Eben ging ich hinunter, gerade fertig vom Duschen, und wollte noch kurz durch die Kanäle zappen, um vielleicht vor dem Schlafengehen noch die Wiederholung irgendeiner Doku zu erwischen. Ich schaltete also das TV-Gerät, noch ein klassisches, großes Bildröhrenkonstrukt, an und begab mich auf die Suche nach den Fernbedienungen. Selbige haben nämlich immer die Angewohnheit, von anderen Haushaltsbewohnern an die schier unglaublichsten Orte verlegt zu werden. Während ich also fahndend im Wohnzimmer umherirrte, wechselte der Fernseher von einem der letzten analogen ORF1-Signale auf die digitale Programmauswahl, denn das Satgerät – ein recht langsames seiner Art – hatte sich jetzt hochgefahren.
Es lief, was oft so tief mitten in der Nacht auf großen deutschen Privatsendern läuft, Teleshopping. Selbiges schaltete gerade um in Werbung, wobei man präzise gesehen gar nicht von Umschalten reden dürfte, macht doch der nette Fernsehkrämer auch nichts anderes als Ramsch bewerben. Wie dem auch sei, trotz intensiven Umsehens blieb die Suche nach dem Umschaltknüppel bisher ergebnislos. Erneut ließ ich meine schwachen, bebrillten Augen herumschweifen. Und siehe da, hinter einem Sofapolster lugte ein graues Eck mit einem roten Knopf hervor – Fernbedienung 1 war gefunden – war aber nicht jene für den Digi-Sat. Die konnte auch nicht mehr weit sein. Als ich sie schließlich unter dem Nachbarpolster hervorzog wurde ich nebenbei vom letzten Fragment eines Erotikwerbespots beschallt, und glaubte zuerst meinen Ohren nicht.
Nach dem “Prinzip Hoffnung” (darauf, dass dieser Spot noch einmal vorbeiflimmern möge) blieb ich dran, und etwa 6 mäßig schöne Paare beliebter weiblicher, sekundärer Geschlechtsmerkmale nebst Mehrwertnummer tauchten auf, wurden von uninspirierten Anrufparolen begleitet, und verschwanden wieder. Dann – tatsächlich – wurde jener Spot wieder eingespielt, dessen letzten Teil ich nur akustisch wahregenommen hatte. Der kam dann auch ganz modern und tauglich fürs Web 2.0-Zeitalter daher, denn es wurde ein Internetportal für Stripshows beworben. “Heisse Frauen”, lautete das obligatorische Versprechen an hormonberstende männliche Zuseher. “Jetzt und garantiert live aus deutschen Schlafzimmern!” Soweit nichts Besonderes, und wer diesen Werbefilmchen des Nachts öfters begegnet, wird sich fragen, wann den die Pointe kommt.
Die kam nämlich direkt darauf und bestätigte mir, dass mein Gehör wohl noch intakt ist. Ein einzigartiges Versprechen, das ultimative Argument für die wohl sündteure Registrierung auf der Stripshowseite, wurde da gegeben. Ein Satz, der vielleicht noch das Fernsehmarketing revolutionieren wird. Der heilige Gral der Werbetexter, ein Monument der Sloganizer.
“Einhundert Prozent migränefrei!”
Im Stile des AMA Gütesiegels wurde links oben noch ein Stempel mit eben jener Aufschrift eingeblendet – irgendwie passend, ging es schließlich auch um Fleisch im rhetorischen Sinne. Die Kunst der Werbung erlebte in diesen Sekunden den Anbruch eines neuen, goldenen Zeitalters. Die Magie des Fernsehens wirkte bislang unbekannte Zauber. Baff stand ich da, blinzelte drei mal etwas verwirrt, und dachte mir dann, was ich beim erstmaligen anhören schon vermutet hatte. Ein Pharmakonzern hätte seine liebe Freude mit diesem Satz gehabt. Es war der absolut dämlichste Slogan, der mir bis jetzt untergekommen war. Der bisherige Spitzenreiter in dieser Kategorie – eine von Ferrero kreierte, deutsch-holländische Wortmutation namens “Milchjieper” – war auf einmal weit abgeschlagen. Der König ist tot, lang lebe der König.
Seit dem ich Zeuge dieser Werbeeinschaltung geworden war, und das ist vielleicht eine gute Stunde her, tat ich bisher nichts anderes, als darüber nachzugrübeln, welche Gedankengänge den verantwortlichen Texter zu dieser pseudoklischee-behafteten Mißgeburt veranlassten. Und nun dürft ihr raten, was mir der Versuch, das Idiotische in ein sinnvolles Muster zu pressen, eingebracht hat. Richtig, Migräne.
Gute Nacht!





Sehr geniale Story, sehr witzig. Ich hoff für dich, dass deine Migräne, verursacht durch ein völlig migränefreies Angebot, wieder verschwunden ist ;)