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Ein bisschen was über christlichen Fundamentalismus

Erinnert sich noch jemand an meinen Beitrag über “Die Christen”? Ich habe mich mittlerweile entschieden, diese nicht als Fundamentalisten zu klassifizieren. Eher handelt es sich um eine grundsätzlich friedliche, doch stark konservative Wertepartei deren Ideologie und Programm stark auf einem strengen Religionsbild fußt. Damit besetzen sie eine teilweise noch gar nicht angesprochene Wählerschicht, als auch im Wesentlichen Teile der ÖVP und FPÖ. Ob die Nische mitsamt dem was sie abschöpfen können ausreicht, ist sehr zweifelhaft, wird sich aber letztlich erst bei den nächsten Wahlen zeigen. In den nie endenden Weiten des Terrariums Internet habe ich jedoch einige Leute entdeckt, für die die Bezeichnung Fundamentalist möglicherweise noch eine höfliche Untertreibung ist.

Beim erwähnten Beispiel handelt es sich um Autoren eines Anti-Islamblogs. Mein erster Eindruck darüber, den ich dort auch schon als Kommentar ablegte, hat mich nicht getäuscht. “Deislam”, mit der netten Überschrift “Islam=Anti-Christentum”, ist wie ein Politically Incorrect für Hardcore-Katholiken. Genauso wie die dortigen Schreiberlinge ihre eingeschränkte Sicht mit obskuren Beiträgen und wirren Argumentationen, so will ich mein Urteil über diese mit Originalzitaten untermauern, derer mir im Rahmen einer Diskussion mehr als genug geliefert wurden.

Muslime, Hindus und alle Nicht-Christen können nicht Kinder Gottes sein; denn nur JESUS CHRISTUS, der SOHN GOTTES, der Menschen-Kind gewordene GOTT, so wie ihn die Katholische Kirche aller Zeiten verkündet (hat), ist der Weg zum Vater, ist der Weg, die [Wieder-] Geburt zur Kindschaft Gottes. (Feststellung in einem Blogbeitrag, warum ausschließlich Christen Gotteskinder sind)

Weil CHRISTUS, die Wahrheit, unser Glaube ist, ist es wesensnotwendig, dass nur dieser Glaube der einzig wahre sein kann und dass er die “Bewertung” der anderen “Religionen” mit-enthält. Folglich: wir können gar nicht echt christlich gläubig sein, wenn wir das Nicht- und Gegen-Christliche nicht bewerten, es nicht als “minder-wertig”, ja als “un-wertig” beurteilen. Selbstverständlich MUSS niemand glauben, ist niemand GEZWUNGEN zu glauben, auch nicht Richtig und Falsch, auch nicht Sünde und Tugend auseinanderzuhalten; es ist auch niemand gezwungen, vernünftig zu sein. (Entgegnung auf meine Anmerkung, es läge im Wesen einer jeden Religion sich für die “Richtige” zu halten, und genau deswegen kein Pauschalurteil über andere Religionen möglich sei.)

Die Inquisition war grundsätzlich richtig und notwendig. Aber sie artete da und dort auch aus. ALLES GUTE kann von den Menschen missbraucht werden! Auch die Kreuzzüge waren NOT-wendig! Es ging um die Befreiung des Heiligen Landes von den anti-christlichen mohammedanischen Eroberern. Dass auch bei diesen Kreuzzügen Dinge geschahen, die nicht gutgeheißen werden können, wird überhaupt nicht bestritten. (Enthalten in der Antwort auf meinen Verweis, dass man sich beim Argumentieren über Glauben und seine Ursprünge ausschließlich auf nichtempirischer Basis bewegt und dem Nebensatz über “Gottes Wort” als etwas “nicht fixes”).


Die Christen glauben an den dreifaltigen, dreipersönlichen, wesens-einen Gott; die Mohammedaner leugnen die Dreifaltigkeit, die Dreipersönlichkeit. Die Christen glauben, dass die zweite göttliche Person, das Wort Gottes, der Sohn Gottes, in Jesus Mensch geworden ist. Die Mohammedaner leugnen die Menschwerdung Gottes. Die Christen glauben also, dass Jesus Gottes Sohn und wesensgleich Gott ist mit seinem Vater und dem Heiligen Geist. Die Mohammedaner glauben, dass Jesus ein bloßer, normaler Mensch ist, wenn auch ein von Allah erwählter Prophet. Die Christen glauben, dass allein Christus das Heil für alle Menschen ist; die Mohammedaner glauben, dass die Christen Polytheisten sind und deshalb “Ungläubige” sind, und deshalb verfolgt und unterjocht und wo Widerstand ist, getötet werden müssen. Allein diese Glaubensunterschiede machen es zwecklos, sich auf untergeordnetem Gebiet wie “Toleranz” und “Nächstenliebe” “annähern” oder zusammenarbeiten zu wollen. Die Mohammedaner verstehen denn auch unter “Toleranz” etwas ganz anderes als wir Christen, ebenso unter “Nächstenliebe”! (Der Vorschlag sich lieber auf interreligiösen Dialog denn auf gegenseitige Hetze zu konzentrieren wurde hiermit abgelehnt. Was die Autoren selbst unter Nächstenliebe verstehen, wird sich aber bald zeigen.)

Die Christen können nicht nur, sie müssen (wenn sie den Missionsbefehl Jesu erfüllen wollen) die Muslime von der Richtigkeit und Alleingültigkeit des christlichen Glaubens (zu) überzeugen (versuchen); sie haben es auch in vielen Fällen trotz aller Hindernisse vermocht. Aber das islamische System ist für die Adepten Mohammeds wie ein riesiges Gefängnis, ein terroristisches Überwachungssystem, ähnlich dem, das Hitler im “Dritten Reich” oder die Kaderpartei im marxistischen, gottlosen Kommunismus aufgezogen hat. (Er will also die Moslems quasi von ihrem eigenen Hitler befreien. Man könnte hier denken, sie wären zumindest gegen [selbst herbeihalluzinierte] terroristische Überwachungssysteme, doch das täuscht.)

Die Christen zwingen ihr (persönliches) “Leitbild”, auch ihren (kirchlich umschriebenen, festgesetzten) Glauben, ihr Glaubensbekenntnis, niemandem auf; sie bieten es andern zur Erwägung, Berücksichtigung an. Die Natur, das Wesen ihres Glaubens aber zwingt, besser: drängt sie innerlich, ihren Glauben den (Noch-)Nicht-Christen zu vermitteln. (…) Wir wollen niemanden “zwangsbeglücken” und “zwangsbekehren”. Kommt aber noch darauf an, was man unter “Zwang” genau versteht. Jedenfalls geht es beim christlichen Glauben um “Rettung vor dem ewigen Verderben”.

Wenn Christen Ungläubige mit allerlei (mit den Geboten Gottes übereinstimmenden) Methoden und Mitteln zum christlichen Glauben “zwingen”, dann ist das etwa vergleichbar mit dem “Zwang”, den der Staat mit seinen Gesetzen, Vorschriften, Verboten seinen Bürgern gegenüber ausübt, um sie vor Fehlverhalten und den Straffolgen zu schützen, oder wenn Eltern ihre Kinder zum “Wohlverhalten”, zu “Anständigkeit”, zur “Bildung” erziehen, auch mit “Zwang”. Ja, es ist ein “Akt der Nächstenliebe”, wenn man einen Menschen zwangsweise rettet, der in geistiger Umnachtung seinem Leben ein Ende setzen will. Ja, es ist ein “Akt der Nächstenliebe”, wenn ich, sofern ich z.B. als christlicher Fürst oder König oder einfach Machthaber, diese Möglichkeit habe, meine “Untertanen” zum wahren Gottesglauben “zwinge”. Aber dies eben immer nur “im äußern Bereich”. Das Gewissen eines jeden Menschen ist immer absolut frei. Jeder kann (für sich) denken und glauben, was er will. Aber er hat kein Recht, das “Un-Recht” öffentlich zu tun und die “Un-Wahrheit” öffentlich zu zelebrieren und zu propagieren. Und damit sind wir bei der Einheit von Staat und Kirche, bei der Inquisition und bei den Kreuzzügen. (Soo, Achtung, jetzt kommt der paranoide Part.)

Die Kirche Christi ist nur gross und stark und damit einflussreich geworden dank dem (engstmöglichen) Zusammenwirken des Staates mit ihr. Denn nur wenn ihre Lehre, ihre Glaubens- und Sitten-Gesetze (die ja die Lehre, die Gesetze des einen und einzigen Gottes sind) auch in aller Öffentlichkeit gelehrt und durchgesetzt und damit geschützt werden, kann das Leben der Menschen in einem Volk oder Staat ein harmonisches, friedliches, heilvolles sein. Andernfalls nicht. Den Beweis dafür liefert die Geschichte. Seit dem II. Vatikanischen Konzil hat die Kirche auch ihre letzten bestehenden Konkordate “großzügig” aufgegeben. Und wo ist ihr Einfluss jetzt im öffentlichen Leben? In der Politik? In der Schule? In der Wirtschaft? Gekämpft gegen den Einfluss der Kirche im öffentlichen Leben, gegen ihre Lehre und Moral wurde natürlich schon immer, auch zu Zeiten der “Inquisition”, in den letzten Jahrhunderten zunehmend entschlossener und gewaltsamer. Nun hat man die “Herrschaft” der Kirche samt ihrer “Inquisition” (samt ihrem Überwachungssystem zugunsten des Heiligen gegen das Unheilige) abgeschüttelt, beseitigt und eine Weile selbstzerstörerische Narrenfreiheit genossen. Jetzt zeichnet sich aber ab, dass an ihrer Stelle eine andere Herrschaft über die “Narren” kommen wird: nämlich die islamische, mit einer islamischen “Inquisition”. (Soweit zum angeblichen IST-Zustand, jetzt zur Prognose).

Wenn es dann zu spät ist, wird man wieder nach der christlichen, barmherzigen Herrschaft rufen, auch, und vor allem im öffentlichen Leben, samt staatlicher Inquisition (verstärkter Überwachung und Einschränkung der zivilen Freiheiten). Das ist auch im rein weltlichen Bereiche immer so: wenn Ordnung, Frieden, Wohlstand, Gesundheit herrscht, braucht man keine oder weniger Ordnungs-Hüter, Friedens-Schützer, Wohlstands-Bewahrer, Ärzte. Erst wenn Chaos, Krieg, Armut, Krankheit herrscht, dann sind Polizei und Armee und Aufbauarbeiter und Mediziner wieder mehr gefragt. (Staatliche/kirchliche Inquisition, Überwachung und Freiheitseinschränkung ist also barmherzig? Hab ich was verpasst?)

Wenn einer aus Gewissensgründen nicht (katholischer) Christ sein wollte oder konnte, blieb es ihm stets unbenommen, Un-Katholik, Un-Christ oder Un-Gläubiger zu sein. Aber er hatte kein Recht, seinen Unglauben oder Aberglauben (allein oder mit andern) öffentlich zu “betätigen”. Tat er es dennoch, war er ein Feind des christlichen, auf Gottes und Seiner Kirche Geboten und Lehren basierenden Staates (Gemeinwesens), und er musste “unschädlich” gemacht werden, im Extremfall auch durch die Todesstrafe. Auch die Todesstrafe verstößt nicht gegen Gottes Gebote. Im Alten Bund ordnete Gott Selber die Todesstrafe an. Aber sie macht natürlich nur Sinn in einem Volk, in einem Staat, das/der sich auch unter Gottes Gesetz stellt. Der Nutzen dieser Inquisition war der Schutz der Kirche und des Staates vor Spaltung und Zerfall, die Bewahrung der kirchen- und staatstreuen Bürger vor Verführern und Verrätern. Und die Schuldigen und Bestraften oder Gezüchtigten hatten den Vorteil, dass sie Gelegenheit zur Einsicht und Reue bekamen und, wenn es in den Tod ging, ihr ewiges Heil sichern konnten durch ihre (aufrichtige) Beichte vor einem Priester. (Wieder zum Thema Inquisition, nachdem sie zwischenzeitlich einen neuen Kreuzzug eingefordert haben.)

Nein, gewiss, “Feuer löscht man nicht mit Feuer” und “Krieg beendet man nicht mit Krieg”. Aber Feuer löscht man mit Wasser: das Feuer der Zerstörung des Christentums löscht man mit dem Wasser einer gutausgerüsteten christlichen “Feuerwehr”. Und den Krieg des Islams gegen den Frieden des Christentums beendet man mit der Verhinderung, Vernichtung und Zerstörung des mohammedanischen Krieges. (Die unbestechlich logische Antwort auf meinen “Gewalt erzeugt Gegengewalt-Ansatz.)

Und das war der Punkt, an dem ich beschloß mich nun auf Zynismus und Ironie zu verlagern, da meine Gegenüber offensichtlich nicht einmal ansatzweise befähigt waren, rationale Argumente überhaupt nur aufzunehmen. Meine letzte Entgegnung war also diese:

Das man Feuer mit (Weih-)Wasser löscht, lass ich mir noch einreden, wobei deine Idee des Wassers einer christlichen Feuerwehr schwer nach Benzin riecht. (…) Du willst also Krieg mit Vernichtung und Zerstörung beenden? Mir würden bei diesem haarsträubenden Sinnwiderspruch (schon aufgefallen, dass Vernichtung und Zerstörung ein wesentlicher Teil des Krieges ist?) die Finger bluten, drum schreib ich sowas nicht.

Wer sich die Debatte im Detail ansehen will: Hier entlang.

Warum ich das mache? Ich finde es als selbst bekenntnisloser sehr interessant, auf welcher (längst nicht mehr rationalen) Ebene sicht Fanatiker argumentatorisch bewegen, und dabei offensichtliche Widersprüche in Kauf nehmen oder gar nicht mehr bemerken und Worte wie “Nächstenliebe” oder “Barmherzigkeit” einen totalen Sinneswandel erfahren, frei nach “Freedom is Slavery, War is Peace, Ignorance is Strength” aus Orwell’s “1984″. Zudem zeigt es auch, dass selbst Länder in denen Frieden, Wohlstand und demokratische Ordnung herrschen nicht vor solchen Entwicklungen gefeiht sind (Blogs dieser Art gibt es mittlerweile einige), wenngleich sie dort verhältnismäßig unbedeutend sind. Schreitet die öffentliche Angstmache und Bürgerrechtsbeschneidung jedoch immer weiter fort, muss das nicht so bleiben. Denn je mehr Freiheit wir uns nehmen, desto leichter lässt sich ein Schuldiger dafür ausmachen und umso einfacher ist es, etwas Besseres zu versprechen, auch wenn es in Wahrheit eine noch schlechtere Alternative ist.

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1 Kommentar

  • Am 28. Oktober 2007 sagte nathilion:

    Ich hab solche Diskussionen auch früher öfter mal geführt. Irgendwann hab ich aber aufgegeben. Mit Menschen, die so tief in ihrer Ideologie drinstecken kann man einfach nicht diskutieren.

    Besonders gut beschrieben hast du das mit:
    “.. dabei offensichtliche Widersprüche in Kauf nehmen oder gar nicht mehr bemerken und Worte wie “Nächstenliebe” oder “Barmherzigkeit” einen totalen Sinneswandel erfahren,..”

    ich denke übrigens auch, dass der einzige weg solchen leuten zu begegnen tatsächlich die ironie ist.

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