Was der Welt im großen Stil wohl zu meinen Lebzeiten und weit darüber hinaus nicht gelingen wird, habe ich heute im Kleinen erlebt. Was jetzt schon klingt, wie ein romantisches, prärevolutionäres Märchen, hat sich tatsächlich zugetragen – man mag es nicht glauben.
Im Salzburger Stadtteil Schallmoos, nahe dem lärmenden Hauptbahnhof, in einem leicht heruntergekommen wirkenden Viertel steht ein Studentenheim namens Merian – benannt nach seinem Standort, der Merianstrasse 40. Gestern abend trug sich ein kleines Sportereignis zu, dem die Belegschaft des Hauses in großer Zahl als Teilnehmer wie auch Zuseher beiwohnte. Es war das erste seiner Art, den selbst das letztsemesterliche Tischtennisturnier würde keinem ernstgemeinten Vergleich standhalten.
“Merian Olympia”, so der hochtrabende Titel. Jeder der fünf Stockwerke (zählend etwas mehr als 20 Bewohner in kleinen Zimmern mit Gemeinschaftsküche, die sich auch Stocktoiletten und Duschen teilen müssen) entsandte 10 Kandidaten, jeden für eine der ebensovielen Disziplinen, in der um den Gesamtsieg gerungen wurde. Wer nun Staffellauf, Stabhochsprung, Diskuswurf und ähnliche Disziplinen vermutet, liegt ein wenig falsch. Wer diese Infrastruktur nicht hat, muss eben improvisieren. So wurde im Bratpfannen-Tischtennis, Wettrechnen, Stiegenwettlauf-Massenstart, Torwandschießen, Sackhüpfen und noch ein paar anderen “Funsportarten” um Punkte gerittert.
Und das lief hervorragend. Damit meine ich nicht das Ergebnis für meinen, den zweiten Stock, der leider nur Rang 4 belegte, sondern das ganze Ereignis als solches. Die Organisation klappte gut, ab und an gab es mögliche Reibungspunkte ob unvorhergesehener Regulationslücken – doch alles verlief abseits der üblichen, durchaus stimmungsförderlichen und partout nicht ernstgemeinten Sticheleien, friedlich. Den Teilnehmern und Zusehern war anzusehen, dass sie viel Spaß hatten. “Schön”, denkt sich jetzt der Leser eventuell, “und was ist da jetzt so besonders dran?”.
Nun, das Haus Merian ist nicht wie andere Heime. Das hat nichts mit bizarrem Gebäudepatriotismus zu tun, sondern liegt an der Belegschaft. In der Merianstrasse 40 findet man den höchsten Ausländeranteil aller Studentenheime in Salzburg. Neben Akademikern aus anderen Ländern wechselt auch alljährlich eine kunterbunte Meute jener Personen, die im Rahmen irgendeiner internationalen Organisation ein freiwilliges Jahr in Österreich verbringen. Daher amüsierten sich an jenem Abend nicht einfach nur “irgendwelche Leute”, sondern Mitmenschen aus aller Herren Länder zusammen.
Österreicher, Deutsche. Chinesen, Japaner. Amerikaner, Russen. Engländer, Argentinier, Spanier. Türken, Araber, Afrikaner und Franzosen. Was klingt wie eine Häufung an Begegnungen mit politischem, religiösem und gesellschaftlichem Mord und Totschlag-Potential war eine der absolut lustigsten Veranstaltungen die ich je erlebt habe. Es zeigt was möglich wäre, wenn Vertreter der Weltpolitik einmal Ansprüche zurückstellen könnten, die zumeist ohnehin nicht mehr als mittelfristige Aussicht auf irgendwelche Vorteile bringen. Die Geschichtsbücher sind – ich weiß das klingt jetzt furchtbar abgedroschen – eigentlich zu schade, um ständig nur davon zu berichten, wie sich Menschen für niedere Zwecke die Schädeldecken eindreschen oder sich sonst wie gegenseitig ihres Lebens und ihrer Freiheit berauben. Nein, Geschichtsschreibung sollte meiner Meinung nach keine Chronik aufeinanderfolgender Kriege sein, wie sie es bis heute im Wesentlichen ist.
Den Weltfrieden werden wir nicht erleben, vielleicht gibt es ihn nie. Es sollte uns aber nicht davon abhalten, ihn wenigstens als Idealbild für eine zunehmend global werdende Gesellschaft in Gedanken zu behalten. Und aus dem Verhalten lernen, das uns tagtäglich Menschen vorleben, wenn sie die künstlichen Hürden internationaler Konflikte mit einem Lächeln auf den Lippen durchbrechen, weil sie für sie einfach nicht wichtig sind. Nicht nur im Haus Merian.





sehr schöner text!