Archiv

Nazitourismus

Als ich eben die Bilder von Südtiroler Neonazis sah, die breit grinsend im ehemaligen KZ Dachau vor Gedenksteinen die Hand zum Hitlergruß heben, meldete sich mein Magen und signalisierte Beleidigung. Dass die geschichtsretardierte, rechte Rassistenmeute immer noch jährlich zu geschichtsträchtigen Plätzen pilgert, wie etwa nach Braunau (Hitler’s Geburtsort) oder den bayrischen Obersalzberg, ist bekannt und bitter genug.

Das man nun langsam dazu übergeht auf die Gräber der Opfer zu spucken, die das Naziregime aus fanatischer Überzeugung heraus zwangsarbeiten, foltern und töten ließ, sollte bedenklich stimmen. Auch wenn es zuweilen überhand nimmt und repetitiv wirkt wenn spätabends auf allen Kanälen Weltkriegsdokumentationen laufen, darf man schon aus Selbstschutz vor Wiederholung trotzdem nicht vergessen, welche Rolle Österreich in dieser Zeit einnahm. Dem Opferimage haben wir zu guten Stücken unsere wiedererlangte Unabhängigkeit zu verdanken, ohne der wir möglicherweise auch bis 1990 hätten warten müssen. Der Geschichte verdanken wir es, dass wir es heute besser wissen. “Wir” waren Täter, damals. Manche sind es heute noch. Beides sollte uns nicht bremsen oder untergraben – doch stetig erinnern.

Warum Menschen in Deutschland die NPD oder hierzulande FPÖ oder BZÖ wählen, lässt sich oft – so viele Studien – aus Umständen ableiten. Der typische Wähler ist eher rüstigen Alters, hat einen eher niedrigen Bildungsgrad und wohnt oft am Land, das in Fragen des sozialen Umfelds und Arbeit im deutschen als auch österreichischen Osten gern hinterherhinkt (dazu: Beitrag in der Zeit). Punkte, an denen man ansetzen sollte, auch wenn die Ewiggestrigen bei uns niemals aussterben werden. Auch sie erfüllen eine gewisse Erinnerungsfunktion.

Es ist das eine, wenn ein Naziaufmarsch durch Braunau am Inn zieht, oder Heinz-Christian Strache Gedenkfeiern für sogenannte “Kriegshelden” veranstaltet. Es ist natürlich auch Geschichtsverzerrung, Leugnung von Verbrechen und der erbärmliche Versuch die Taten von Hitlerdeutschland mit alliierten Gegenangriffen aufzuwiegen. Obwohl zurecht dagegen mobilisiert wird, passiert hier niemandem etwas – wenn man es richtig anpackt tragen solche Events sogar unfreiwillig mehr zur Sensibilisierung von Geschichtsbewußtsein bei, als sie der Selbstdarstellung nutzen.

Sicherlich werden durch die Ehrung der Falschen die Richtigen verhöhnt, doch Nazitourismus in Konzentrationslager spielt da schon in einer ganz anderen Liga. Mehr als sechs Jahrzehnte nach dem Ende des verheerendsten Krieges, der jemals auf dieser Welt getobt hat, besuchen Menschen mit einem binären Weltbild, einer längst gescheiterten und unbarmherzigen Ideologie die Gräber all jener die genau deswegen ihr Leben lassen mussten. Wiederholungstäter im Sinne der Anklage auf symbolischen Genozid.

Die Neonazis aus Südtirol wurden nach ihrer Rückkehr festgenommen. Sie absolvierten die Teilnahme an einem sozialpädagogischen Projekt, bekamen danach einen gerichtlichen Vergleich angeboten und sind heute wieder auf freiem Fuß. Ob genanntes Projekt Erfolg hatte, ist unbekannt. Italien’s Gesetze jedenfalls scheinen keinen Wiederbetätigungsparagraphen zu kennen, wie er hierzulande existiert, denn der Kameradschaftsring, dem die Täter angehörten, wurde nicht weiter belangt. Das lässt einen Umkehrschluss zu, welcher aufzeigt, was womöglich die tiefere Absicht dahinter ist, wenn sich hierzulande RFJ, RFS und die Mutterpartei FPÖ für eine Abschaffung des Verbotsgesetzes stark machen.

Weitersagen & Bookmarken:

SPEAK UP!

Verfasse einen Kommentar oder schicke einen Trackback von deiner Seite.

RSS: Abonniere die Kommentare zu diesem Artikel.

Du kannst folgende Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

*Pflichtfeld