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Sadomaso auf der Bühne

“Sozi-Eintopf” wird das Konzept Gesamtschule (aktuell “Neue Mittelschule” betitelt) von der Volkspartei genannt. Grundsätzlich existiert die Idee schon länger, anno 1990 stand sie sogar im großkoalitionären Regierungsabkommen. Unabhängig davon, wie man zu dieser Idee steht, stellt sich die Situation derzeit so dar: Die SPÖ würde das Konzept gerne testen (und findet ausgerechnet im ausrangierten Kärnter LH Haider einen Interessenten mit fragwürdigem Kalkül), die Volkspartei will aber auch Modellregionen scheinbar mit allen Mitteln verhindern. Eine Einigung ohne Gesichtsverlust für beide ist nicht greifbar.

Ein wenig schockiert mich jedoch die Kompetenzenverteilung in den Ministerien. So doktort der Wissenschaftsminister Hahn ohne nennenswerten Widerstand am Akademikerbereich herum, während eine Unterrichtsministerin Schmied sein “Amen” (was sollte eine angeblich christlich-soziale Partei denn sonst sagen?) benötigt, um überhaupt ausprobieren zu dürfen. Ist das ministeriell tatsächlich so geregelt, dass eine Dr. Claudia Schmied einem Dr. Johannes Hahn nichts zu sagen hat, der Herr Doktor der Frau Doktor aber gehörig ins Handwerk pfuschen kann? Oder ist die SPÖ wirklich so schwach, dass sie sich aus Angst – nicht nur vor den neuesten Umfrageergebnissen – in derart diagonale Abhängigkeiten begibt? Ich möchte es fast freiwillige Geiselhaft nennen. Da gefällt mir der Gedanke, von einem alten, neuvermählten, zankenden Ehepaar regiert zu werden doch noch besser als die Idee, dass im Parlament eine latente Wiederholung des Stockholmsyndroms auf politischer Ebene stattfindet.

Die besten Möglichkeiten den Vorhang vor dieses unwürdige Schauspiel fallen zu lassen, haben die Sozialdemokraten freilich verpennt und sich stattdessen selbst dem Laiendarstellertum ergeben. Die Regierung spielt Sadomaso mit offenem Ende auf der Bühne, und wir alle müssen zusehen. Niemand klatscht, die andauernden Pfiffe werden getrost ignoriert denn das Publikum ist eh eingesperrt. Die einen Akteure ergötzen sich an der Angststarre der anderen, die sich eigentlich nur davor fürchten mit ihrem grenzwertigen Theater nicht mehr auf die Bühne zu dürfen.

Drei Metaphern, und bei keiner sieht’s schöner aus. Mit was haben wir uns das eigentlich verdient?

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3 Kommentare

  • Am 25. Oktober 2007 sagte nathilion:

    hehe, gut geschrieben!

  • Am 28. Oktober 2007 sagte Gilsor:

    ich denke mal Wissenschaftsminister Hahn representiert in diesem Thema einfach seine Partei und es hat nichts mit seiner Position als Wissenschaftsminister zu tun. Deshalb wird er auch wohl kaum von den internen Vorgaben abweichen.

    Zur Gesamtschule: Das Thema liegt mir sehr am Herzen, gerade da ich sehe wie sich in unserem Gymnasium die Lehrer mit Händen und Füßen gegen die neue Mittelschule wehren.
    Beispielsweise wird die Uninformiertheit der Schüler durch eine Unterschriftenaktion gegen die Gesamtschule, bei der die Schüler unterschreiben, unterstützt.
    Weiteres werden regelmäßig “Warnungen” der Lehrer an die Eltern ausgegeben wie schlimm die Gesamtschule doch ist und was die Politik mit den lieben kleinen Kindern machen will.
    Egal ob die Lehrer irgendwann von dem Irrglauben sie seien etwas besseres als die Hauptschullehrer und würden durch die Gesamtschule ihren “hohen” Stand verlieren befreit werden oder nicht, dieser Fortschritt im Bildungssystem ist nicht aufzuhalten – nicht einmal von den Lehrern!

  • Am 28. Oktober 2007 sagte Georg Pichler:

    Danke für die Ergänzungen. Das Hahn natürlich die Parteivorgaben verteidigt, ist klar. Als Minister symbolisiert er halt die Unterrichtspolitik der Volkspartei.

    Bei den Gymnasiallehrern hat dieser Abwehrreflex wohl nicht nur mit der Selbsteinschätzung zu tun, sondern auch damit, dass sie mehrheitlich immer noch VP-Klientel sind wenn ich mich nicht irre.

    Ob die neue Mittelschule ein Fortschritt ist oder nicht (ähnliche Systeme funktionieren im nordischen Raum anscheinend ganz gut) will ich als Nichtexperte nicht beurteilen, dazu müsste ich mich wohl erst tief in die Materie einarbeiten. Mein Problem liegt einfach darun, dass ich es nicht für verantwortungsvoll halte, wenn selbst der Versuch blockiert wird. Dass man Seitens der SPÖ nicht auf die 2/3+2/3 Zustimmungsgeschichte eingeht ist eh klar – aus den Gründen die du genannt hast. Öffentlich läßt sich das halt gut als “Die SPÖ will einfach über alle drüberfahren” verkaufen.

    Jedes Jahr, dass verlorengeht und in dem man die “Neue Mittelschule” nicht zumindest testet beraubt uns zumindest um ein Jahr Erfahrung. Würde es schiefgehen, kann man immer noch über Alternativen nachdenken oder zum leidigen, alten System zurückkehren.

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