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Wir sind Bundestrojaner!

Der Sicherheitswahn wider der Vernunft hat einmal mehr einen Teilerfolg errungen. Mit dem großkoalitionären Beschluss für eine Realisierung von Onlineuntersuchungen haben “wir” uns wieder ein Scheibchen Freiheit (mit der Option auf mehr) abgeschnitten. Ab 2008 darf bei dringendem Verdacht auf ein Verbrechen mit einem Strafmaß von 10 oder mehr Jahren auf Festplatten gestöbert werden. Dass man da sicherheitstechnisch auf fast unüberwindbare Hürden stoßen wird, ist dabei mein kleinstes Problem.

Unzählige Firewalls und Antivirenprogramme sind im Umlauf, daneben gibt es noch native Hardwarefirewalls, Proxies und andere Sicherheitsmaßnahmen. Da einen wirklich effizienten Bundestrojaner heranzuzüchten, wird beilbeibe kein leichtes Unterfangen. Schutzsoftware muß umgangen, Virenscanner getäuscht, Systemlücken müssen gefunden und ausgenutzt werden. Der Staat begiebt sich auf der Suche nach vermeintlich mehr Sicherheit auf die Seite jener, die im ständigen Wettlauf mit Softwareherstellern wie Norton, Kasperksy und Konsorten stehen. Und auf dieser Seite sind nicht die guten Jungs, sondern jene Spammer, Virenprogrammierer, Trojanerverschicker die es meist auf Telebankingdaten, Kreditkartennummern und teure Firmengeheimnisse abgesehen haben. Das Ziel mag unterschiedlich sein, die Methoden jedoch sind die gleichen, und das Recht auf Privatsphäre wird nun auch zunehmend von Vater Staat mit Füßen getreten

Sicherlich, 10 Jahre Mindeststrafmaß für das vermutete Vergehen scheint viel, und wird auch selten der Fall sein. Doch wer garantiert, dass die so bleibt, wenn die nächsten Terror-Schreckensmeldungen das ach so freie Abendland wiederum in höchste Panik versetzen? Wird sich jemand, der zu Unrecht virtuell durchsucht wurde, jemals wieder ins Internet trauen, ohne dass ihn ein paranoiahaftes Gefühl beschleicht? Im blindwütigen Sicherheitsaktionismus macht man langsam das kaputt, was man eigentlich verteidigen will. Der stetig weiter entrechtete Bürger muss sich berechtigt die Frage stellen, wer davon letztendlich etwas hat.

Die Selbstaushöhlung des freien Volksstaates führt zu ganz neuen, teilweise bizarr anmutenden Allianzen: Nicht nur NGOs und Bürgerinitiativen protestieren gegen solcherlei Maßnahmen, auch einige namhafte Hersteller von Sicherheitsprogrammen haben bereits verlauten lassen, dass ihre Software keine Rücksicht auf digitale Staatsspione nehmen wird – was sich hoffentlich nicht allein dadurch erklären lässt, dass intelligente, wirklich böse Kerle diese sonst irgendwann nachbauen würden. Fragt sich nur, was die Security-Unternehmer machen, wenn man im Innenministerium auf die Schnapsidee kommt, einen gesetzlichen Passierschein für Trojaner aus dem eigenen Hause anzuregen.

Das wäre dann nämlich der Punkt, an dem ich nicht mehr von kompletter Kurzsichtigkeit, sondern von blanker Dummheit Seitens der Verantwortlichen sprechen würde.

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