Was macht ein armer Student, wenn er Geld braucht? Neben der Option die Eltern zu bequengeln bietet sich da Arbeit an. Und unter der Devise schob ich von gestern auf heute eine Nachtschicht auf der GAST ’07 – Gastronomiemesse im Salzburger Messezentrum. Vierzehneinhalb Stunden Standbewachung, die neben endloser Ödnis auch die eine oder andere Erkenntnis brachten.
Da wären zum Beispiel die verschiedenen Aussteller: Da gibt es die freundlichen, netten und wertschätzenden. So in etwa wie der Betreiber meines Standes (HRS.com, ein Hotel-Reservierungsservice). Ein sympathischer Herr aus Deutschland, der zu meiner Freude überpünktlich zu Schichtende wieder da war und mit seinem Personal und den Hallen-Mitarbeitern menschlich umging.
Und dann gibt es die Dekadenten, wie beispielsweise am Stand gegenüber, an der ein Hersteller gastierte, der allerlei hotelspezifische Artikel feilbietet (sicherheitshalber verzichte ich auf eine Nennung des Firmennamens). Da wurden wüst die Verpackungen der zu präsentierenden Sachen aufgerissen, und dann einfach in hohem Bogen – sie flogen teilweise fast in den Bereich des HRS-Standes hinein – in den Durchgang geworfen. Frei nach dem Motto: “Gibt ja eh die Putzkollone, warum soll ich da noch einen Mistkübel benutzen.” Letzterer war übrigens keine 10 Meter entfernt.
Generell würde ich die Atmosphäre als “snobistisch” bezeichnen, aber was sollte ich auch auf einer Messe erwarten, auf der sich wohl die Avantgarde und jene die es gerne sein würde, des Gastgewerbes zur Schau stellt. So weit, so gut.
Um 18 Uhr trat ich also am HRS-Stand meinen Dienst an, eingepackt in eine mäßig hübsche, aber immerhin sehr gemütliche Sicherheitsdienst-Jacke. Eine halbe Stunde später ging der MP3-Player in Betrieb. Kurz darauf schockierte mich ein Hilfstrupp, der aus einem Bündel Rassisten (O-Ton Chef: “Des is mei Neger, den derf nur i beleidigen!”) und einem Afrikaner (jedenfalls vermute ich, dass er einer war). Die Herablassungen hielten sich – wohl aufgrund des Umfelds – in Grenzen, es wirkt aber höchst befremdend wenn jener dunkelhäutiger Mensch gemeinsam mit zwei bleichen, hageren Glatzköpfen in einem Team arbeitet, von denen einer ungeniert in voller Landser-Montur (Jacke, T-Shirt, Unterarmtatoo) herumlief. Zur Info: Diese mittlerweile nicht mehr existente Rechtsrock-Band ist in Deutschland verboten, da sie als rechtsextrem, demokratiefeindlich und kriminell eingestuft wurde. Beinahe sämtliche Veröffentlichungen stehen am Index. Inwieweit die Gruppe jemals in Österreich belangt wurde, weiß ich nicht, jedoch schien sich keiner der noch zahlreich herumeilenden Gastronomieheinis daran zu stören (was zu großen Teilen auf Unwissenheit beruhen mag). Bezeichnend war die Kommunikation in diesem Team, speziell unter den Inländern: Ultra-hierarchisch, laut und man hatte öfters das Gefühl, sie würden gleich wie Kampfhunde übereinander herfallen nur um sich im nächsten Moment wieder zu vertragen. Auch wenn diese Kombo nicht zu Messezeiten, sondern nur Abends und Nachts unterwegs ist, ergibt es für mich eine schiefe Optik wenn man Seitens der Messeleitung solche Leute mit Arbeiten beauftragt. Das Problem war hier hauptsächlich, dass sie ihre Gesinnung ausgelebt hätten (keiner rannte Parolen schreiend herum), alleine durch den Herrn in den Landser-Klamotten aber sehr deutlich zur Schau stellte.
Etwa gegen zwei Uhr früh waren diese Leute verschwunden, und bis auf die Putzkolonne war kaum mehr jemand unterwegs. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits George Orwell’s “Complete Novels” zur Hand, und las an Burmese Days weiter, womit ich kurz nach drei fertig war. Zwischendrin wechselte ich zu Polit-Lektüre und ackerte mich durch einen Sabatier-Text über Policy Advocacies. Als ich über das sehr überraschend eintretende, kurze und dramatische Finale des Orwell-Werks hinaus war, blieb dieser 30 Seiten Fachtext meine einzige Lektüre.
Und ich darf verkünden: Ich hasse Sabatier. Schon nach Sartori dachte ich, es könne kaum noch einen Autoren geben, der noch unnötig ausschweifender formuliert. Auf 30 Seiten werden die simpelsten, logischen Erkenntnisse, die ich auch ohne Sabatier bereits als gegeben angenommen hatte (zB. das die Umsetzung globaler Politikideen [in dem Kontext: policies] regional unterschiedlich ist, und deshalb die USA von Öl- auf Kohlekraft umrüsteten, während Frankreich mangels ausreichender Kohleressourcen auf Atomenergie setzte) unnötig kompliziert breitgetreten und x-fach wiederholt. Dann gibt es zu den Theorien entweder keine Beispiele, oder auch diese werden in ihre kleinsten Fasern zerteilt und aufgeplustert. Die Conclusion am Ende besteht dann schlußendlich aus ein wenig verkürztem Wiedergekäutem, das erneut zerlegt wird, um den Einzelteilen schön wichtig klingende Namen geben zu können. Ich könnte kotzen. Nicht weil die Texte keine neuen, und durchaus wichtige Erkenntnisse beinhalten würde, sondern weil diese bei Aussparung unnötiger Wiederholungen, ohne der endlosen Erläuterung ohnehin bekannter Schlüsse (für die dämlich hält Sabatier den Rest seiner Zunft eigentlich?) und einer entkünstelten Formulierung auf unter 10 Seiten locker Platz finden würden.
Um ca. 4 Uhr 50, kurz nachdem ich das Bild von mir selbst geschossen hatte, gab schließlich der Akku des MP3-Players W.O. wegen Erschöpfung. Immerhin: Das kleine Wunderding hatte zehneinhalb Stunden nonstop durchgehalten, das Fehlen von Hintergrundbeschallung machte meinen Arbeitsalltag Arbeitsallnacht nicht gerade leichter.
Zwischen fünf und sieben also wandelte ich halb im Delirium, kurz davor stehend einzuschlafen. Also musste Beschäftigung her, denn das Hin- und Hergegehe wurde sehr repititiv. Eine Serviette, die sich zufällig in der Wachdienstjacke fand, war da sowas wie ein kleiner Schatz: Zusammengeknüllt konnte man sie aus etwa 5-6 Meter Distanz in Richtung Mistkübel werfen. Es sollte eine gute Viertelstunde und ungezählte Versuche brauchen, bis ich sie schließlich in selbigem versenkte. Das nächste Spiel war “Kugelschreiber in die Luft werfen, nachlaufen und fangen” und erwies sich aus Ermüdungsgründen für untauglich. Nach insgesamt 22 Stunden auf den Beinen artete dies nämlich in eine heillose Selbstüberforderung aus. Damit blieb nur: warten.
Punkt 7:03 gingen die Lichter in der Halle wieder an, und erwiesen sich als mein stärkster Verbündeter im Kampf gegen den Schlaf. Zum Totschlagen weiterer Zeit fing ich an, mir werbeanalytische Gedanken über ein Plakat meines Ausstellers zu machen (siehe Bild unten). Und ich, als wenig Belesener in diesem Bereich, kam in meinem Delirium zu folgendem Schluss: Der Werbespruch passt eigentlich, denn er ist kurz und prägnant. Aber er wirkte auf mich in dieser Anordnung zu “staccatoartig”, leicht erschlagend und damit nicht zu den chilligen Bildern passend. Abgesehen davon, dass ich die Schrift weniger schreiend gestaltet hätte (kleiner, anderer Rand, evtl. runder), hätte ich den Satz “The Price is right.” komplett auf das erste Bild gepackt und die Mittagsszene aus Paris als kleine “Verarbeitungspause” für den Betrachter frei gelassen. Ich weiss nicht, wie ihr das seht, aber für mich ergab das um halb Acht in der Früh durchaus Sinn.
Eine weitere Stunde darauf war es dann schließlich durchgestanden. Die letzten Formalitäten wurden erledigt, ich wankte quer durch die Stadt zurück ins Studentenheim, nahm mir gegen den quälenden Hunger noch ein Dürum mit, und war froh diese Nacht überstanden zu haben. Von Montag auf Dienstag GASTiere (haha, Wortspiel) ich ein weiteres Mal, dann über volle fünfzehn Stunden. Und die werden erträglicher, denn in dieser Nacht habe ich einiges über Proviant- und Beschäftigungseinteilung gelernt ;-)





@Georg: Klingt ja recht lustig. Ganz ehrlich: Da würde ich lieber gar nichts machen, als 14 Stunden Standbewachung zu betreiben. Nichts anderes gefunden?
Und deine Worte über den politikwissenschaftlichen Text haben mich hellhörig gemacht.
Ich mache derzeit 2 Vorlesungen an der Salzburger Politikwissenschaft. Es mag für dich vielleicht schmerzhaft klingen, aber ich habe selten etwas langweiligeres durchgestanden.
Aber ich glaube, wir zwei sind da quitt: Denn bei der letzten Staat-Nation-Grenze-Vorlesung hast du ja alles andere als begeistert gewirkt. :-) :-) :-)
Naja, für 14 Stunden gar nichts machen krieg ich eben nicht 14x Stundenlohn – das macht den Unterschied. Und morgen wirds schon gehen, ich werd mir einfach mehr Beschäftigungsmaterial/Proviant mitnehmen.
Die meisten PoWi VOs die ich mir dieses Semester gebe, gehen eigentlich. Die Sabatier-Texte gehören zu einem Proseminar, und wenn du jemals ein konzepttheoretisches Geschreibsel von dem in die Finger kriegst: LAUF!
Ich bin mir nicht sicher, ob ich Staat-Nation-Grenze weiter besuche. Von der VO Beschreibung im PLUS hätte ich mir einen anderen Zugang zum Thema erwartet, und dass sich der Haas so gnadenlos in Zelebrationsdetails und Beispiele verbeisst, wenns um Zeiten geht in denen zB. die Grundherrschaft eh alle 100km anders gehandhabt wurde, und dann noch speziell die reine Aufarbeitung über Rechtsgeschichte – das geht mir ziemlich auf den Keks.
Es scheint, wo er chronologisch schön langsam das Mittelalter verlässt, wieder interessanter zu werden. Ich werd mir das den Donnerstag noch einmal anhören und dann entscheiden, ob ich wirklich eine VO fertig machen will, die sich an fortgeschrittene Geschichtestudis richtet und sehr wenig von dem bietet, was ich erwartet hatte.
Tja, der Haas ist natürlich ein ganz netter und kompetenter Historiker, aber mit deiner Kritik hast du vollkommen recht. Bis jetzt hat die Vorlesung nicht den Angaben auf Plusonline entsprochen, weil Haas nun einmal ein Feudalismus- und Grundherrschaftsexperte ist und er sich auf zu viele Details versteift. Glaube mir, auch fortgeschrittene Geschichtsstudenten werden darüber nicht so begeistert sein, siehe die immer niedriger werdenden Besucherzahlen während der Vorlesungen. Geschichtstudium heißt ja nicht, jedes Detail eines Prozesses kennen zu müssen, sondern einen guten Überblick darüber zu bekommen. Wenn man sich allerdings darauf spezialisieren möchte, ist das etwas ganz anderes.
So fühle ich mich eher an ein wissenschaftliches Seminar erinnert, als an eine Vorlesung. ;-)
haha, ich weiß ich bin vielleicht der falsche der das sagt, aber rasier dich mal! ;)
japp, du bist nicht vielleicht, sondern definitiv der Falsche um das zu sagen >:)
;) ich hab wenigstens eine england-karte *fiesbin*