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Ein alter Hut als neue Waffe

“ÖVP-Strategiepapier” ist wohl das Un-Wort der letzten Tage. Da erstaunt sich die SPÖ einerseits über das Vorhandensein eines Neuwahlplans, andererseits wäre es schwer verwunderlich gewesen, hätte man für den worst case nichts in petto gehabt. Das ähnliche Zettelchen auch in der Löwelstraße kursieren dürfte ausser Zweifel sein. Irritierend nur wie detailiert die Papiere der Molterertruppe ausformliert waren. Den Zeitungen entnahm ich, dass es sich um einen minutiös ausgefertigten Schlachtplan gehandelt haben muss. Als der dann durch so ziemlich sämtliche größeren Medien, inklusive Krone und ORF, breitgetreten wurde, hätte man eigentlich annehmen können, dass er somit wertlos geworden wäre. Und jetzt das.

Im Mittwoch-Kurier stellt der Vizekanzler vier Grundbedingungen für die weitere Zusammenarbeit mit der SPÖ: Die Steuerreform – seit circa drei Wochen das Lieblingsthema der “Roten”- kommt erst 2010, man sollte möglichst rasch zu Gemeinsamkeiten für die Gesundheitsreform und das Doppelbudget der nächsten Jahre finden und gegenseitiges Überstimmen im Parlament ist pfui. Momentchen mal, das kommt mir doch bekannt vor. Stimmt ja, die gleichen Bedingungen standen quasi 1:1 im Strategiepapier. Aber wo ist denn jetzt die Überraschung?

Warum setzt die ÖVP eine im Vorhinein durch alle Kanäle bekannt gewordene Strategie trotzdem um? Hält man sie für so grenzgenial? Oder die NÖ-Wahlen für so einen wichtigen Momentumsverstärker? Ist es gar die Angst vor einem längeren U-Ausschuß der bis in den Herbst hinein möglicherweise Sachen aufdeckt und sich negativ auswirkt? Wie weit spielt die eventuelle Unsicherheit in Tirol durch die Liste Dinkhauser mit? Fragen über Fragen.

Ich denke jedenfalls, dass die SPÖ dieses Spielchen nicht mitmachen wird. Möglich jedoch – und das würde nach vorkoalitionärer Absprache riechen – dass die ÖVP trotzdem Neuwahlen vor der EM durch Stützung aus der Opposition durchbringen könnte. Dann sind wir wieder bei eventuellen Parallelverhandlungen, und einem für Aussenstehende total undurchschaubaren Taktierspielchen. Die SPÖ hat sich wohl an Strache angebiedert, die ÖVP könnte bei den Grünen geklopft haben. Das BZÖ wiederum würde sich ohne zu zögern jedem um den Hals werfen. Wenn die komplette Oppositionsbank einen so “frühen” Neuwahlentscheid mitträgt, bleibt den Analysten nur ein Ratespiel, wenn nicht irgenwelche Insider plaudern. Wirklich eindeutige Indizien gibt es nicht.

Ich gehe weiterhin von spätsommerlichen bis herbstlichen Neuwahlen aus. Aber egal wann sie nun wirklich stattfinden, ich hoffe auf ein brauchbareres Ergebnis und eine arbeitsfähige und -willige Regierung. Bis dahin stehen uns spannende Zeiten bevor.

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1 Kommentar

  • Am 19. März 2008 sagte hc voigt:

    warum das so eine “Überraschung” ist, dieses Strategiepapier?

    Ich würde sagen, Du hast vollkommen recht, dass das viele interessierte PolitikbeobachterInnen nicht überrascht. Und Du hast vollkommen recht, wenn Du differenzierst zwischen dem weit verbreiteten Wissen/Annehmen, dass solche Papiere existieren und dem Umstand, dass dieses Papier bemerkenswert detailliert und unverblümt ist und diese Detailliertheit und Unverblümtheit dann doch “überrascht”.

    Ich würde mal behaupten, dass die schlichte Menge der interessierten PolitikbeobachterInnen nun aber nicht sonderlich groß ist und außerhalb dieser recht bescheidenen Gruppe ist/wäre die Überraschung schon mal eine andere.
    Zweitens ist die schiere Evidenz eines solchen Papieres, dass mensch (sing.) und dass Alle (pl.) dann nachlesen können ganz etwas anderes, als das implizite Wissen einzelner, dass Politik nun mal so funktioniert.
    Zudem ändert die öffentliche Evidenz dieses Papiers verdammt viel, weil nun müssen die Sprachregelungen der PolitikerInnen damit operieren und die “Stammtische” können bestimmt darüber reden.

    Drittens ist die Evidenz dieses Papieres vor dem Hintergrund der letzten (bald) 10 Jahre entscheidend. Stichworte: von der Konsens- zur Konfliktdemokratie, Schüsselsche Taktik nach der Wahl 99 und darüber hinaus, Rückkehr Klassenkämpferischer Strukturen, Differenz quer durch die Großparteien punkto der Aufrechterhaltung bzw. Ablehnung der Sozialpartnerschaft etc.

    Last but not least (& was ich eigentlich anmerken wollte):
    mich interessierte und fasziniert, dass das Papier an die Öffentlichkeit gekommen ist!!
    Und ich frage mich, was das bedeuten mag? Warum gerade Profil (was besonders interessant ist)? Und interessant auch, das wird nirgends diskutiert, der Umstand, dass das Papier an die Öffentlichkeit gekommen ist.
    Die Frage wäre doch: WIE? WER? und dann wüssten wir auch: WARUM?

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