Rauchen ist eine Sucht. Soweit so klar, und darin dürften mir die meisten Menschen Recht geben. Der Anteil an Nichtsüchtigen an der Gesamtzahl der Raucher (also Gelegenheitsraucher, die tatsächlich ohne großartigem körperlichem und seelischem Entzug ganz aufhören können) ist ein sehr kleiner.
Was macht eine Sucht mit einem Menschen? Im Falle des Rauchens wäre da zu erwähnen, was wir ohnehin im Alltag beobachten können. Je nach Grad der Abhängigkeit zündet sich dieser Mensch in mehr oder weniger langen Zeitabständen eine Zigarette an. Ansonsten wird er schleichend nervös, zittrig, mitunter aggressiv. Ich erinnere mich gerade daran, wie ich als Kind gemeinsam mit meiner Schwester die Zigaretten meines Vaters versteckten. Den Scherz fand er Anfangs selbst noch einigermassen witzig und achtete sogar den netten Hintergedanken. Das hielt aber keine halbe Stunde an, dann wurden die Bitten nach dem Aushändigen des Packerls schon dringender. Es endete damit, dass er sich ins Schlafzimmer einsperrte und auf Ansprache nur noch schreiend reagierte. Doch kaum hatte er wieder eine Zigarette im Mund änderte sich die Stimmung schlagartig. Ich habe auch Menschen erlebt, die im Winter mit Sommerreifen bei widrigsten Wetter-, Straßen- und Sichtbedingungen in der Nacht eine halbe Stunde lang zu einer Tankstelle fuhren, nur um sich wieder mit Zigaretten einzudecken, die ausgegangen waren.
Rauchen führt also, wenn man kurz annimmt es wäre keine Sucht, zu irrationalen Handlungen. Wäre zum Beispiel kein Essen mehr im Haus, hätte die selbe Person wahrscheinlich den nächtlichen Hunger einmal in Kauf genommen als sich auf diese Risikofahrt einzulassen. Die meisten Raucher wissen um die Schädlichkeit ihrer Tabakstengel – für sich und für andere. So auch mein Vater. Er fällt – wie viele andere – wohl unter jene, die die Schlussfolgerung eines Experiments von Read Montague am Baylor College in Houston/Texas. Im Standard vom vergangen Dienstag wird auf Seite 36 unter dem Titel “Raucher denken anders” darüber berichtet.
Die Kurzfassung: 62 Probanden bekamen Aktienpakete im Wert von 100 US-Dollar und ließ sie in einem Börsenspiel in zehn verschiedene Angebote investieren. Nach jeder Runde bekamen sie Hinweise über die ideale Anlagestrategie. Die Hälfte der Teilnehmer waren Raucher, und diese ignorierten die Hinweise wider besseren Wissens. Daraus wird unter Zuhilfenahme von Gehirnscans gefolgert: “Wenn sich also ein Raucher eine Zigarette anzündet, so wird diese Entscheidung dadurch begünstigt, dass er die gesündere Alternative – gar nicht erst zu rauchen – systematisch ausblendet.” Hinter der für alle wahrnehmbaren Handlungen, die Beschaffung und der Konsum der Droge, steckt also viel mehr.
Doch zurück zur Fragestellung: Ohne das eine mit dem anderen aufwägen zu wollen (weil keines der beiden dadurch besser wird) vermute ich mal ins Blaue, dass dieses Muster auch bei Alkoholsüchtigen auftreten könnte. Der Einfluß muss jedenfalls sehr stark mit dem Moment des einsetzenden Entzugs, ergo dem Auftreten des Verlangens nach der nächsten Zigarette zusammenhängen, womit in der Zeit dazwischen (deren Länge wiederum von der Stärke der Abhängigkeit bestimmt wird), in der die Sucht temporär befriedigt ist, die Beeinflussung zumindest schwächer ist. Andernfalls würde es niemanden geben, der je erfolgreich sein Laster losgeworden wäre, denn das ist in jedem Fall die bessere Lösung.
Daraus schließe ich ganz frech, dass man mit einem Raucher am besten nicht über seine Sucht diskutiert, wenn er nicht gerade am qualmen ist oder eben damit anfangen will. Dann fehlt es womöglich an mitausgeblendeten Denkalternativen. Man könnte geneigt sein, Rauchern in eben dieser Situation eine gewisse Unmündigkeit zu unterstellen. Um aber endlich auf die Frage zu antworten: Nein, Raucher sind nicht unmündig, nur weil sie Raucher sind. Sie sollten sich aber bewusst sein, dass ihre vermeintlich geliebten Glimtstengel nicht nur ihre Gesundheit und die ihrer Mitmenschen schädigt, sondern ihnen auch einen Teil ihres freien Willens streitig macht und zumindest eine Hand am Lenkrad der Entscheidungen hat.
Dabei sollte man stets beide Hände am Lenker haben, wenn man die Kontrolle nicht verlieren will. Sagen zumindest die Fahrlehrer.
PS: Anbei ein Scan des Artikels. Das Experiment scheint bisher noch nicht in größerem Umfang gemacht worden zu sein. Ich bin aber guter Dinge, dass diese und folgende Forschungsergebnisse sich bei intersubjektiver Prüfung bestätigen werden.
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Viele Worte für ein einfaches Statement. “Ich bin für ein totales Rauchverbot” – hätte es auch getan… :)
Das oben Geschriebene könnte man auf alle Süchte (eigentlich ist nahezu jeder von irgendeiner Sucht betroffen) anwenden – auf den schokoladesüchtigen Fettsack genauso wie für den medikamentensüchtigen Depressivo (dem irgendwann – genau von jenen, die jetzt teure Hilfe zur Rauchentwöhnung anbieten – eingeredet wurde, er wäre depressiv). Das thematisiert aber noch niemand. Zuerst wird mit dem Rauchen abgecacht und erst dann, wenn da weniger zu holen ist, kommen andere dran… :)
Naja, zum Einen hab ich das ja geschrieben, dass sich das bei anderen Süchten möglicherweise gleich verhält. Vielleicht ist es aber auch eine Eigenart des Nikotins. Es wird sich zeigen.
Wa aber bleibt ist, dass mir weder der “schokosüchtige Fettsack” noch der “medikamentensüchtige Depresivo” unmittelbaren, gesundheitlichen Schaden zufügt. Zudem wird wenigstens die Medikamentensucht öffentlich als solche wahrgenommen. Das Rauchen wird vielfach noch als irgendwas hobbyartiges betrachtet.
Mein Kommentar war nicht im Sinne einer Diskussion über Gefahr gemeint. Vielmehr wollte ich nur darauf hinweisen, dass wir von Süchten umzingelt sind und man uns immer mehr solche einreden will, um damit Geschäfte zu machen. Meiner Meinung nach verhält sich die Pharmaindustrie genauso, wie die Tabakindustrie (deshalb der Hinweis auf den “Depressivo”), nur dass sie sich dabei den “Gut”-Mantel umhängt. Ich kann in den Handlungsweisen beider keinen Unterschied erkennen. Studien glaube ich grundsätzlich nur mehr, wenn ich den Inhalt zumindest Gedanklich nachvorllziehen kann. Und beim Raucherthema wird eine neutrale Studie zZt schwerer zu finden sein, wie die brühmte Stecknadel im Hauhaufen… ;)
Einstein war raucher
sowie
Sartre,
simone de Beauvoir
churchill
roosevelt
marlene dietrich (die den nazis immer die stirn geboten hat)
Und auch
Oberhauser
Florenz
Sarkozy
Grünewald
sind raucher. Aber wenn sie prohibitionnistisch handeln: dann paßt es . richtig?
http://www.raucherbewegung.eu
übrigens : die lüge passivrauchen ist aufgeflogen
und Österreich bliebt frei
de Schweiz auch
Mit Freundlichen Rauchzeichen
Zu Zeiten von Einstein bis Dietrich waren die schädlichen Auswirkungen noch nicht der breiten Masse bekannt. Deswegen war es für eben jene Leute nicht gesünder und nicht “richtiger”. Ich würde Einstein heute auch nicht generell verbieten zu rauchen, meinetwegen könnte er sein Haus in eine Nebelgruft verwandeln. In einem Lokal jedoch, hätte ich was dagegen – und da ist es mir wurscht ob es Einstein oder sonst wer wäre. Was wollen Sie mir also mit ihrer Auflistung sagen?
Ob ich es nun selbst entscheide oder ein Sklave meiner Sucht bin: So lange irgendjemand mich zum Aufhören zwingen will, werde ich weiterrauchen.
Ich pfeife auf eine schöne, neue Gesundi-Gutmenschenwelt. Lieber verrecke ich, als einer von Euch zu werden.
ARR
Du bist offenbar am besten Weg dorthin, und zum Aufhören will dich keiner zwingen. Du sollst frei sein, dich in deinen eigenen vier Wänden einzuqualmen wie es dir beliebt – aber verschon ausserhalb davon andere damit :)