Ich lese gerne in Blogs aller Couleur, schon alleine um die aktuellen Entwicklungen im Auge zu behalten. Besonders interessant sind natürlich jene von “Insidern”, also Menschen die sich zwar für eine Partei engagieren, aber nicht unmittelbar ins “Politik machen” eingebunden sind. Ein solcher auf Seiten der ÖVP ist Gerhard W. Loub, seines Zeichens Leiter der Webredaktion der VP-Bundespartei. In einem als “PS” gekennzeichnetem Nachsatz in seinem letzten Beitrag zeigt er auf, dass selbst ob der neuen Regierungsidylle die Zeit des Mauerns wohl immer noch nicht vorbei scheint. Selbst in wirklich wichtigen Dingen entblößt sich da eine sehr eigenartige Einstellung.
Der Beitrag heisst “Der Bumerang” und ist im Kern eine meiner Meinung nach wenig kreative Wiederholung jener Positionen, die man angesichts der Anschuldigungen an so manchen Untersuchungsausschußzeugen die letzten Tage öfters gehört und gelesen hat. Loub entwickelt daraus eine Bumerangtheorie und prognostiziert, dass das Durchsuchen der vielen Akten zur Causa nicht viel bringen wird. Interessanter ist dann das da:
P.S.: Anderes Thema: Die ÖVP ist strikt gegen die Gesamtschule. Dass die Führung der ÖVP Wien nun die Umsetzung entsprechender Schulversuche unterstützt, wird nicht einmal von der eigenen Bildungssprecherin, geschweige denn vom Rest der ÖVP Wien mitgetragen. Bitte kommt wieder auf den Boden der ÖVP-Politik zurück! Lieber Gio, Du hast als Minister so ein tolles Standing – bitte mach Dir das nicht kaputt!
Ich gehe davon aus, dass seine Aussage auch über die ÖVP Wien fundiert ist, und dort tatsächlich nur eine Minderheit pro Gesamtschule ist. Das ist aber nur insofern wichtig zu wissen, als dass dies die grundsätzlichen Statements der ÖVP zu diesem Thema erklärt, was aber auch keine Neuigkeit ist.
Was heisst “Gio, du hast ein tolles Standing”? Und was spricht gegen den Schulversuch? Die Antwort: Das Standing soll im konkreten Fall wahrscheinlich bedeuten, dass auch Hahn sich immer wieder gegen die Gesamtschule ausgesprochen hat. Gegen einen Schulversuch spricht trotzdem nichts. Position und Kompromiss- bzw. Versuchsbereitschaft sind zwei verschiedene Dinge. Vermischt man diese, so entsteht daraus ein absolutistisch anmutender Weisheitsansprich. “Unsere Position ist richtig, weil sie unsere Position ist, ergo braucht sie nicht hinterfragt oder geprüft zu werden.”
Zur Erinnerung: Ein Schulversuch ist nichts bindendes. Er bedeutet nur, dass eine oder mehrere Schulen ganz oder zum Teil auf ein alternatives Modell umgestellt werden, und selbst das nur auf limitierte Zeit. Entweder über eine vereinbarte Periode (etwa drei Schuljahre) oder jeweils für ein Jahr mit Option auf Verlängerung, die dann von Schulleitung und Politik akkordiert werden sollte. Jährlich als auch nach Abschluss sollte eine Evaluierung erfolgen, die zeigt was der Schulversuch gebracht oder nicht gebracht hat. Man ist am Ende also klüger und weiß, ob sich die Versprechungen des Modells in einem angemessenen Rahmen erfüllt haben, nutzlos waren oder gar einen Rückschlag produzierten. Alle drei Möglichkeiten gibt es bei jeder Idee, bei jedem Modell, egal von wem (was nicht immer am Modell, sondern auch an der Professionalität seiner Umsetzung liegen kann, aber das ist eine andere Geschichte).
Genauso wie die (SPÖ-)Gesamtschule also funktionieren kann, kann sie auch scheitern. Genauso wie ein alternatives (ÖVP-)Schulmodell funktionieren kann, kann es auch scheitern. Dieses Risiko besteht immer. In jedem Fall ist wichtig, dass etwas versucht wird. Die Probleme in unserem Schulwesen sind nicht erst seit gestern evident. Zementiert man sich aber ein und verweigert selbst den Test, dann geht gar nichts weiter, zumal in naher Zukunft nicht davon auszugehen ist, dass sich die große Koalition in solch heiklen Bereichen auf eine gemeinsame Basis verständigen kann. Zement ist eben nicht beweglich und elastisch.
Und da bleibt dann als elementare Frage nur noch die: Besteht das Standing des Gio Hahn aus einem Betonblock, den er sich um seine Füße gegossen hat, oder hat sein “Nein” eine Option auf Prüfung? Die Schuldebatte wird es weisen.






Zu Deinen 2 Themen:
1) U-Ausschuss
Hier geht´s darum, das eine Anschuldigung Haidingers nach der anderen zusammenbricht und nun zu Ermittlungen gegen den vorgeblichen Enthüller sorgt. Die bisher gelieferten hunderttausenden Seiten haben auch nix Neues gebracht. Soviel zu den Fakten. Ob in den restlichen Millionen Seiten irgendwas drin steht, ist eine Vermutung aufgrund des bisher Geschehenen. Wissen kann ich´s natürlich nicht.
2) Gesamtschule
Wie ich schon Georg Pichler geschrieben habe: Die ÖVP steht für die Förderung der individuellen Talente – und das ist einer der Gründe, warum ich bei der Partei bin. Warum sollten wir etwas ausprobieren, das schon von der Idee her unseren Grundprinzipien widerspricht? Wir probieren ja auch nicht mal die Todesstrafe oder die Einschränkung der Gesundheitsleistungen aus und schon, was dann passiert…
@Gio: Nein, das “Standing” bezieht sich nicht auf die Gesamtschule. Gio ist generell eher liberal. Ich finde nur, er agiert als Minister generell net schlecht. Einfach etwas ungezwungener und erfrischend anders (s. “Keks”-Sager).
ad 2) Ich hoffe ganz dringend, dass du dir das mit dem direkten Vergleich “Gesamtschule – Todesstrafe” mittlerweile besser überlegt hast. Der ist nämlich einfach nur indiskutabel und sonst gar nix. Mit einer Einschränkung von Sozialleistungen hat das auch nix zu tun. Aber wenn wir bei unpassenden Beispielen sind: Das Innenministerium hat ja auch elektronische Fußfesseln und Tazer getestet…
Es geht um ein neues Modell, nicht darum irgendwas zu streichen. Es mag anders funktionieren, was man durchaus gut als auch schlecht bewerten kann. Das spricht nicht gegen einen zeitlich befristeten Versuch.
Was bitte ist das denn für eine Argumentation? Wie würdest du reagieren, wenn die ÖVP mit einem eigenen Schulmodell daherkommt und dann kommt als Argument gegen einen unverbindlichen Testlauf (!), man würde ja auch nicht die Todesstrafe ausprobieren.
Noch einmal: Nach dem Testlauf sieht man dann ob das Alternativmodell was taugt. Es ist nicht so, dass die Gesamtschule von allen möglichen Experten zerissen worden wäre, also fehlt auch auf dieser Basis ein wirkliches Argument gegen einen Test.
Was kann also passieren? Es kann sich herausstellen, dass die Gesamtschule nix taugt. Dann kann sich die ÖVP meinetwegen mit “wir habens ja immer gesagt” schmücken. Sie kann auch keine erhebliche Verbesserung bringen, dann sollte man über bessere Alternativen nachdenken. Sie kann auch sehr gut funktionieren, auch in dem Sinne, dass sich die Befürchtungen seitens der ÖVP als widerlegt herausstellen. Dann sollte man es zum Wohle der Schüler umsetzen.
Alle drei Szenarien sind möglich. Eine per se – Ablehnung eines Tests kann ich mir folglich nur durch Angst vor einem eventuellen Erfolg einer SPÖ Idee erklären. Das wäre Parteipolitik auf Kosten der Schüler. Dass dann Todesstrafen-Vergleiche angestellt werden, ist nur noch eine passende Illustration. Ich hoffe eine derart jenseitige Argumentation ist nicht Usus bei euch, sonst muss ich mich fragen, wer da fahrlässigerweise mit an den Schalthebeln des Staates sitzt…
“Was kann also passieren? Es kann sich herausstellen, dass die Gesamtschule nix taugt”
Du unterstellst natürlich implizit, daß das Ziel der Schule die optimale Bildung von möglichst vielen Schülern ist.
ÖVP-Ideologie ist nun mal, daß es in der Schule darum geht die wenigen zukünfigen Häuptlinge von den vielen Indianern zu trennen und in dieser Hinsicht funktioniert unser Schulsystem ja wirklich so ausgezeichnet (siehe Pisa), daß man über Schulversuche in die Richtung gleichmachung gar nicht diskutieren braucht.
Dieser Umstand kann dann mit “Die ÖVP steht für die Förderung der individuellen Talente”
wunderbar umschrieben werden.
Genau, Gimli, man kann es so sagen: “Vater Müllfahrer = Sohn und Tochter auch Müllfahrer. Vater Vorstandschef = Sohn auch Vorstandschef, Tochter Tippse.” ;)