Amstetten geht mir auf die Nerven. Josef F. geht mir auf die Nerven. Dass dieses Thema noch auf absehbare Zeit mit immer neuen, noch grausigeren Fakten die Titelzeilen dominieren wird geht mir erst Recht auf die Nerven. Es ist logisch und traurig zugleich. Mittlerweile schlagen nicht nur diverse Medien saftig Kapital (sprich: Quote) aus diesem zugegebenermaßen unfassbaren Fall, jetzt fühlt sich auch die Politik an der Reihe, Kleingeld sammelnder Weise den Hut in der Öffentlichkeit kreisen zu lassen.
Zuerst einmal: Ja, das 24 Jahre dauernde Inzest- und Kellermartyrium ist harter Tobak und – glücklicherweise – etwas, das man nicht alle Tage hört. Nicht minder arg ist der Umgang mancher Medien damit, hier sei an das unzensierte News-Titelbild mit der Familie F. hingewiesen und Armin Wolfs richtige Reaktion darauf. Natascha Kampusch stieg bei mir in Windeseile in die Gefrierzone der Sympathiewerte ab, nachdem sie (kurz zuvor noch über das Informationsleck im Untersuchungsausschuß, ihre beeinträchtigte Privatsphäre und den Medienrummel klagend) kurz nach Bekanntwerden des Falles via Presse ihre Hilfsbereitschaft anbot. Die Welt scheint sich zu Fragen, ob Österreich generell noch richtig tickt, und gibt sich allzu oft selbst die Antwort darauf. Das daraus resultierende “Nein” würde ich in vielen Fragen durchaus bestätigen, definitiv aber nicht am Beispiel von Amstetten.
So wenig passend dies für eine Tag-der-Arbeit-Rede ist, so recht hat der angeschlagene Kanzler, wenn er von einem Einzelfall spricht. Trotzdem gibt es wenig zu verteidigen, und eine PR-Charmeoffensive (die ein bisschen so wirkt, als wolle man einen Fehler wiedergutmachen) als Antwort auf das Medienecho wird nicht verhindern, dass der Name F. in den Köpfen wie mit Superkleber am kleinen, mitteleuropäischen Land mit der rot-weiss-roten Flagge kleben bleiben wird. Mittelfristig zumindest. Deutschland ist kein Menschenfresserstaat wegen des Kannibalen von Rotenburg. In Belgien sind wegen Marc D. Kinderpornos kein groß gehandeltes Gut. Und in Österreich hält nicht jeder Zweite irgendwelche Familienangehörigen in seinem akribisch geplanten Kellerverlies fest und zeugt Kinder mit ihnen. That’s it. Mehr gäbe es der Presse auch nicht zu sagen. Dann würden auch CNN & Co. umso schneller ihre Zelte in Amstetten abbrechen.
Stattdessen spricht man einerseits von Diskretion, und rückt dann – das sensationsfreudige Reporterheer beglückend – immer stückchenweise mit weiteren Details heraus, die im Kontext der Tragödie eigentlich entbehrlich sind. Wir wissen nun, dass Josef F. seiner Familie möglicherweise mit Vergasung gedroht hat, und den heimischen Horrorkeller mit zwei fernbedienbaren Stahltüren gesichert hat. Zwei eigentlich total irrelevante Informationen und zwei ausgezeichnete Gründe für die Medien, es noch ein bisschen in Niederösterreich auszuhalten. Die Exekutive, die damit vermutlich nur belegen will, wie genau man bei den Ermittlungen vorgeht, konterkariert schon im Vorfeld das, was die Bundesregierung an wirkungslosen (aber sicher teuren) Maßnahmen vorhat. Willkommen in Absurdistan!
Noch müßiger ist die neu entflammte Debatte rund um Strafen für Sexualtäter. Dass Westi und Strache nicht vor Bierzeltbrüllern wie der chemischen Kastration für Wiederholungstäter zurückschreckt (was in Kombination mit der Forderung nach nicht tilgbarem Lebenslänglich für alle Sexualdelikte “die lebenslange Schäden hinterlassen”* genau gar keinen Sinn ergibt) wundert mich nicht. Wenn in diesen Tenor, aus diesem schlimmen Einzelschicksal eine allgemeine Nötigkeit für schärfere Strafen zu definieren, nunmehr auch die ÖVP und somit eine zur Zeit staatstragende Partei miteinstimmt, dann ist das besorgniserregend, passt aber ins Muster. Denn es entspricht zumeist der vorherrschenden Law & Order Mentalität, die immer prächtig zuckt, wenn ein Anlaßfall es hergibt.
Ich habe hier gerade die Google Suchergebnisse für “ÖVP Strafen” vor mir. Brutale Videospiele? Höhere Strafen! Jugendliche Gewalt? Höhere Strafen (und Erziehungscamps)! Sexualdelikte? Höhere Strafen (und Kastration)! Drei Probleme, ein Allheilmittel. Das scheint sich langsam zu einem roten (Argumentations-)faden zu entwickeln.
Es gibt zwar zu jeder dieser Stellungnahmen entsprechende Antworten von Experten, die die Sinnlosigkeit dieser Forderungen feststellen oder ihren Nutzen zumindest stark in Zweifel ziehen, die Chancen stehen aber gut dass solcherlei populistische Ideen bei einigen Kronelesern auf offene Ohren stoßen. Politik ist fürwahr ein Geschäft, in dem es darum geht zwecks Machterhalt die Massen für sich zu begeistern. Wenn man dazu aber selbst in heiklen Themen immer wieder mit ein und der selben Forderung macht, weil sie so schön den “Volkszorn” bedient, dann mag das für eine Oppositionspartei noch irgendwie legitim sein. Für eine Fraktion in Regierungsverantwortung ist es das nicht, und es wird an der anderen liegen, dem Einhalt zu gebieten. Was natürlich nicht leichter ist, da es auf eigene Kosten geschehen würde und umfallen (oder gar nicht erst dagegenhalten) in dieser Causa weniger schädlich ist. Die Umsetzung überhasteter Forderungen in Gesetze ist also wahrscheinlich.
FP/BZÖ haben die Diskussion auf diesem Niveau eröffnet, und die Regierung wird sie dementsprechend weiterführen. Über die Frage “wer da in welches Eck neigt” will ich mich nicht weiter auslassen, es ist eh allzu offensichtlich. Die Bestrafung von schweren Sexualdelikten sollte kein Tabuthema sein. Genausowenig darf ses aber eine Suppe sein, die man anhand eines einzigartigen Vorfalls derart rabiat aufkocht und umrührt, dass am Ende nichts übrig bleiben wird als unschöne Flecken. Denn die haften bedeutend länger als es das Amstetten-Image am Namen Österreichs wird.
*Zitat ORF Pressestunde vom 04.05.2008
[creative commons license] photo credit: clarameetsworld






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Ich warte noch drauf, dass einige sich für satirisch haltende Medien die Nationalhymne umdichten in “Land der Keller, Land des Inzest…” ;)
Was mich an der Story vor allem stört, ist, dass sich anscheinend viele an ihre nationalistische Seele gepackt fühlen, nur weil dieses Mal nicht Deutschland, Frankreich, Italien oder Belgien dran ist, sondern Österreich. Über Marc D. oder unseren Kannibalen schön in der Kronenzeitung ablästern, aber wehe, es ist ein Österreicher (wobei diese Verdrängungstaktik bei manchem ja quasi angeboren wurde, zumindest was historische Wahrheiten angeht). Dann wird geklagt, wenn das Ausland genau so reagiert wie man selbst in anderen Fällen.
Gut, die Deutschen verhalten sich echt nicht gut, jeden Tag seh ich wieder das jugendliche Gesicht von Elisabeth F. bei n-tv, die BILD-Zeitung sieht auch keinen Grund zur Verpixelung und das bekannte Video kennt nun schon jeder. Auch durch die ZiB 2, auch wenn Wolf diesen Fall als “Grenzfallentscheidung” bezeichnet.
Deine Meinung zur ÖVP-Polemik teile ich dabei voll: Was nützen denn härtere Strafen, wenn sich jemand wie F. 24 Jahre unbehelligt vergehen kann (eigentlich ja sogar bereits 31 Jahre, immerhin begann der Mißbrauch mit 11), und nur durch eine Nachlässigkeit entdeckt wird. Reicht das Strafmaß von 15 Jahren, dass ihm droht, nicht aus? Mehr hätte er schließlich nur kriegen können, hätte er die Familie ermordet (was kein Entschuldigungsgrund ist, dass man nicht alle Möglichkeiten der Straftat ausgeschöpft hat, nur so mal an den Anwalt von F.). (Nebenbei laufen ja noch die Ermittlungen im Mordfall an der 17jährigen im Jahr 1986.)
Rachepolemik bringt den Opfern wenig, ob nun F. für 5 oder 15 Jahre im Gefängnis landet, die Hauptgeschädigten und -bestraften sind seine Kinder, die ohne Schule, Freunde, Sonnenlicht und im Falle der 19jährigen Tochter vielleicht sogar ohne ein Leben außerhalb des Kellers da stehen. An die gilt es eigentlich zu denken, und nicht an diesen F., der sich nun auch noch damit hervortun kann, was er für ein “toller Hecht” ist, es 24 Jahre durchgehalten zu haben.