Sein 60-jähriges Bestehen feiert der israelische Staat dieser Tage. Sechs Jahrzehnte des sich Erwehrens von Gefahren, kleineren und größeren Erfolgsgeschichten und einem ungelösten Palästina-Problem. Eine nervenaufreibende, verlustreiche, bisweilen tragische Erfolgsgeschichte. Deutschland trägt gegenüber Israel eine besondere Verantwortung, das ergibt sich aus der (Entstehungs-)Geschichte Israels als auch der Bundesrepublik. Der Holocaust als negatives Verbindungsstück, unumstößlich, unauslöschlich verinnerlicht im kollektiven Gedächtnis beider Länder, beider Kulturen. Eine Prämisse und Selbstverständlichkeit für die Identität Deutschlands, mag man meinen.
Das Umfrageinstitut Forschungsgruppe Wahlen kam nun zu überraschenden Ergebnissen, die die „historische Verpflichtung“ gegenüber Israel fraglich erscheinen lassen. 53% der Befragten verneinten eine besondere Verantwortung, nur 40% bejahten diese gegenüber Israel. Interessant: Je älter die Befragten, desto größer die Zustimmung zur Verantwortung, je jünger, desto geringer.
In Zeiten der Haushaltskonsolidierung, die die Bundesregierung plagen und diverser Mittelstandsnöte, die das Feuilleton beschäftigen, lehnt der Umfrage zufolge auch ein Großteil finanzielle Hilfen (35% Ja, 57% Nein) gen Nahen Osten ab.
Den deutschen Pazifismus, die Angst vor Auslandseinsätzen, vermutete man nach der rot-grünen Läuterung im Jahr 1999 (Kosovo-Krieg), die stellvertretend für die ganze Republik vollzogen wurde, vergessen. Doch er bleibt, dies verdeutlicht auch das ständige Lavieren um eine Truppenaufstockung in Afghanistan, ein weiteres Wesensmerkmal Deutschlands: Nur 13% würden für den Schutz Israels deutsche Truppen entsenden, so die vom ZDF in Auftrag gegebene Befragung.
Man muss kein überkritischer Geist und Moralapostel sein, der ständig mit der, wie formulierte es der Literat Martin Walser seinerzeit so unzutreffend, „Auschwitzkeule“ umherwedelt, um diese Zahlen als erschreckend zu empfinden.
Deutschland darf sich seiner jüngsten Geschichte durchaus rühmen. Die Angaben der Befragten stimmen jedoch nachdenklich. Sehr nachdenklich.
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Ich glaube nicht, dass man diese historische Verantwortung in Verbindung zweier Staaten (wo einer noch dazu in den 2. WK nicht direkt involviert war, aber mitunter dadurch entstand) heute noch als Erklärungsbasis für eine aktuelle Verpflichtung verwenden sollte.
Dazu ist im Israel-Palästina Konflikt für mich beispielsweise kein eindeutig Schuldiger ausmachbar. Beide Seiten machen mitunter gravierende Fehler, Israel hätte – als moderner, zivilisierter und wirtschaftlich funktionierender Staat – aber viel eher die Möglichkeit, die Probleme anders zu lösen. Auch wenn die Berichterstattung in mitteleuropäischen Landen teilweise sehr stark israelkritisch ausfallt, bekommt man das durchaus mit. Das dürfte bei dieser Umfrage durchaus eine Rolle gespielt haben. Ich würde aber gerne wissen, ob die Frage zur Truppenentsendung im Original ein Beispiel enthielt, das würde einiges klarer machen.
Trotz aller Drohungen aus dem Iran und dem gespannten Verhältnis zu den arabischen Nachbarn halte ich die unmittelbare Gefahr für Israel nicht gegeben, nicht nur weil die Schutzmacht USA im Hintergrund steht. Verharmlosen sollte man freilich nichts, aber im Kontext zur aktuellen Bedrohungssituation, der Einstellung zu Krieg in Deutschland und Österreich und der Medienberichterstattung finde ich die 13% nur noch halb so drastisch.
ICh denke schon, dass “die Deutschen” eine besondere Verantwortung gegenüber Israel tragen. Damit meine ich nicht die Domestizierung eines “Schuldkultes” (gibt es sowas überhaupt?) oder derartiges aus dem rechtsextremen Wörterbaukasten, sondern einen stets aufrechten, aufmerksamen Blick gen Israel. Ich finde es durchaus erschreckend, dass das Verhältnis nicht “besonders” ist. Das mag nun durchaus auch ein Zeichen der Normalisierung sein, da die Deutschen wohl bei jedem Staat so (umfragetechnisch) urteilen würden, ist angesichts der Historie dennoch fragwürdig.
Es sollte wie gesagt nachdenklich stimmen. Die Kriegsgeneration stirbt aus, die “Histörchen” der Geschichte werden immer interessanter, neue Fragen gestellt. In solchen Zeiten ist es wichtig den moralischen Kompass in die richtige Richtung zeigen zu lassen. Dazu gehört, meiner EInschätzung nach, ein (von deutscher Seite aus) differenziertes, eventuell manchmal auch zurückhaltendes (Stichwort Kritik) Verhältnis zu Israel. Das ist eine historische Verantwortung, gewiss doch.
Georg, auch die BRD existierte während des Zweiten Weltkriegs nicht. Sie ist zwar formal die Nachfolgerin des Dritten Reiches, dieses jedoch auch völkerrechtlich erst seit 1990.
Und die historische Verantwortung Israel gegenüber ist nicht nur bei Deutschland gegeben: Nicht nur die Ideologie Hitlers stammte zu einem guten Teil aus Wien, nein, unter den Tätern des Dritten Reiches waren viele Österreicher.
Man sollte es im 21. Jahrhundert weiter fassen: Die Sicherheit von Israel ist eine europäische Verantwortung. Denn nicht nur sind viele Israelis vom Ursprung her Europäer, nein, es ist ein europäischer Staat im Nahen Osten.
Nun muss er nicht unbedingt von Feinden umgeben sein, wie er es zu seiner Entstehungszeit war und es zum Teil heute noch ist. Auch hier könnte Europa als Beispiel dienen, wo ehemalige Todfeinde heute eine Union bilden. Und die Lösung des Palästina-Konflikts sollte somit ein Hauptinteresse der europäischen Staaten sein und nicht der Überseemacht USA überlassen bleiben.
Anders als du empfinde ich die 13% dennoch als prekär, da diese Zahl zeigt, dass trotz aller Aufklärung der deutschen Bevölkerung über das Dritte Reich doch viele der Meinung sind, dass sie persönlich es nicht betrifft. Und die Werte der Österreicher, die wie gesagt mitgemacht haben, will ich gar nicht erst wissen ;)
ich sehe wiederum keine echte historische verantwortung. warum auch? ich bin erst 40 jahre nach dem ende dieser greueltaten geboren. ich denke auch nicht, dass ich eine historische verantwortung brauche. wozu denn auch? wenn israel angegriffen wird, dann sehe ich mir den konflikt und die beteiligten parteien an und entscheide mich dann dafür oder dagegen – wahrscheinlich zB gegen einen diktatorischen iran eher dafür – dem staat beizustehen. wenn israel unrecht geschieht, kritisiere ich das. aber wenn israel unrecht tut, kritisiere ich das ebenso. das ist absolut legitim, ungeachtet dessen, was leute in “meinem land” vor 60 jahren getan haben.
ich lehne eine nationale verantwortung dafür schon allein deshalb ab, weil ich nationalitäten als definierende eigenschaften ablehne.
was den europäischen juden vor 60 jahren angetan wurde, ist unvergesslich und freilich ein wahrgewordener horror, aber ich denke nicht, dass die heutige bevölkerung der sogenannten täternationen (insbesondere die jungen generationen) ihre handlungen aus einer “historischen verantwortung” oder schuld heraus definieren sollten. es reicht, einfach ein aufgeklärter, universalistisch denkender mensch zu sein und so zu handeln.
Sascha, kleiner Hinweis am Rande: du hast (wahrschl. automatisch ausgefüllt) in den Kommentaren bei “Homepage” immer noch die myblog Adresse stehen ;)
ISRAEL ist ein Mauerstaat wie einst die DDR
Sie haben vielleicht eine große Mauer, die restliche Situation lässt sich aber genau gar nicht vergleichen =)
Hab ich mal geändert, danke. Im Notfall kommen mögliche Zufallsbesucher ja aber über Beitrag 1 auch aufs neue Blog.
es ist ein Unterschied, ob man jemanden einmauert, damit er nicht herauskann (wie in der DDR geschehen) und Menschen, die dennoch raus wollen, erschießen lässt,
oder ob man eine Mauer baut, damit nicht jeder hineinkann (übrigens der Normalfall “Mauer”, siehe China, Hausmauer, Gartenzaun, Palisade) und niemanden erschießt, nur weil er es dennoch versucht rüberzukommen
Gebe ich dir recht Georg! Vielleicht hätte aber Israel auch die Grenzen von 1948 anerkennen sollen und nicht Siedlungen in Palästina errichten sollen, natürlich gibts Hetzer auf beiden Seiten, die dummen und schuldigen sind allerdings die Leute die Steine werfen, Blutbäder anrichten, Busse wegsprengen und dann auch noch radikale Parteien wählen. Wie die Sache zu lösen ist, ist echt schwer zu sagen, man kann nicht Menschen die seit 40 Jahren in Palästine wohnen, einfach sagen verkauft alles und geht woanders hin. Sehr sehr schwierig, irgendwer, muß halt einmal anfangen die Hand zu reichen, aber bisher ist halt leider keiner in Sicht!