
Was wurde nicht alles über diesen Vorwahlkampf der Demokraten geschrieben (auch auf Rigardi). Barack Obama der neue Kennedy, der die gesellschaftliche Spaltung kittet, der charismatische Visionär, der vor seiner Zeit als Senator in Chicago mit Straßenkindern arbeitete. Auf der anderen Seite Hillary Clinton, weniger visionär, manches mal etwas spröde, aber die Kandidatin des demokratischen Partei-Establishments, mit einflussreichen Gönnern im Hintergrund und ihrem ehedem populären Ehemann Bill Clinton als Wahlhelfer. Aus der „unausweichlichen Kandidatin“ ist mit dem Start des Caucus in Iowa der Schwung ihrer Kampagne abhanden gekommen. Egal welches Procedere, so lange Zeit der Tenor der Clinton-Campa, Hillary werde die Kandidatin, die gegen – egal welchen – Bush-Nachfolger reüssieren werde.
Ein Trugschluss. Der aus dem amerikanischen Süden stammende John Edwards wusste mit seiner Kritik an den Wirtschaftseliten durchaus zu imponieren, doch seine Wahlkampfkasse war weniger prall als die von Obama und Clinton; seine Ideen zu links, zu populistisch. Nein, Edwards war keine Gefahr, gestolpert ist Hillary Clinton schlussendlich über die Hybris ihres Beraterstabes, über die mit dem rassistischen Ressentiment spielenden Tiraden ihres Gatten und die Medien, die eine Art Messias-Kult um Obama zu inszenieren wussten, der seines gleichen suchte. Clintons Aussagen wurden eingehend analysiert, jedes ihrer Worte genauestens abgewogen und ihr durchaus streitbares Votum für den Irak-Krieg in jeder Debatte hervorgekramt. Ihre Argumente, dass sie über mehr Erfahrung verfüge (was stimmt), dass sie wisse wie das da Washington laufe (was stimmt) und dass sie die erfahreneren Leute in ihrem Team und sie einen Plan für den Tag X, den Tag es Einzuges ins Weiße Haus habe (was wahrscheinlicher als bei Obama ist), zählte nicht viel im Hinblick auf Barack Obamas wolkige Rhetorik.
Barack Obama wird der Kandidat der Demokraten sein, mit dieser Prognose lehnt man sich nicht all zu weit aus dem Fenster. Die Superdelegierten, die letzte Waffe des Partei-Establishments auf die Primaries Einfluss nehmen zu können, laufen nun in Scharen in das Obama-Lager über. Der Sieg von Hillary Clinton in West Virgina war nur ein Trostpflaster, der ihr den Abgang versüßen wird.
Doch bei aller, fast schon orgiastisch zelebrierten Entzückung, die auch im europäischen Gazettenwald bis zur Unerträglichkeit herbeigeschrieben wird für den Kandidaten Obama: Clintons Argument, dass sie der aussichtsreichere Kandidat sei, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Swing states wie Ohio, Pennsylvania, Kalifornieren, West Virgina oder aber auch Michigan (dessen Stimmen ebenso wie die Floridas nicht gezählt werden. Eine endgültige Entscheidung über das Schicksal dieser wichtigen Staaten fällt die Partei am 31. Mai. ) gingen en gros auf ihr Delegiertenkonto. Obama mag das Feuilleton noch so verzücken, das amerikanische Wahlsystem hat seine Tücken, über die schon 2000 ein gewisser Al Gore gestolpert ist. Er erhielt zwar mehr Stimmen als sein Opponent, George W. Bush, er verlor nur die entscheidenden Staaten. Clinton kann diese Staaten eher als Obama gewinnen, was nicht zuletzt an den vielen Vorurteilen liegt, die nach wie vor in der amerikanischen Gesellschaft zu Hauf vorhanden sind (“Kann ein Schwarzer die Geschicke unseres Landes überhaupt lenken?”). Das mag man nicht gutheißen, ist aber die Realität. Clinton wäre die bessere Kandidatin gewesen, die John McCain hätte schlagen können. Für Obama fangen die schweren Zeiten erst an.
[creative commons license] photo credit: qqqnl





Big Larry hat ein paar ziemlich überzeugende Argumente, warum er für Obama und gegen Clinton ist:
http://www.lessig.org/blog/2008/02/20_minutes_or_so_on_why_i_am_4.html
Dass Clinton bessere Chance hat, glaube ich nicht. Die Umfragen sprechen da eine andere Sprache.
[...] Hillary Clinton die meisten der für die Demokraten entscheidenden Wählerschichten. Und trotzdem zweifeln manche daran, dass er der richtige Kandidat für die Demokraten ist. [...]
Die Frage ist – denke ich – vor allem, wie nach dem Ausscheiden von Hillary in einigen Wochen (hoffentlich nicht erst im August, das wäre etwas zu spät) sich die Clinton-Familie gegenüber Obama verhalten wird. Wird sie weiterhin alles daran setzen, dass Hillary zumindest zur möglichen Vizepräsidentin wird und den Wahlkampf von Obama unterstützen, oder wird sie auf Kontra gehen, so dass am Ende Obama mit Edwards zusammen antreten muss (Edwards hat sich ja jetzt zu Obama bekannt).
Sollte Obama/Edwards am Ende herauskommen, wäre das ein Desaster für die Demokratische Partei: Die Clintonwähler haben sich in den letzten Exitpolls meist dahingehend geäußert, dass sie ohne Clinton im Team die Republikaner oder gar nicht wählen werden. Ressentiments gegenüber Obama und seiner “We will change”-Agenda gegenüber Clintons: “It’s the economy 2.0″-Programmatik und wahrscheinlich gegen Nordstaatler und Farbige (vor Kennedy war die Partei mehrheitlich mittelbürgerlich geprägt, seine Rassenpolitik kostete damals viele dieser Menschen an die Republikaner, vor allem in den Südstaaten).
Sprich ohne Clinton im Boot kann Obama gewinnen. Clinton alleine kann aber auch nicht gewinnen, da im Fall ihrer Nominierung sicher viele der jungen Wähler enttäuscht sein werden und nicht wählen werden, und Clinton und McCain dann im gleichen Wählerpool fischen. Und da hat McCain als Mann, Patriot, Veteran mehr Chancen, dass er mit den Demokraten gleichauf liegt, trotz Bushs guter Gegenwerbung (in Form seiner Politik), ist der Verdienst dieses 71jährigen.
Sprich die Entscheidung von Hillary Clinton, ob sie Obama unterstützen will oder nicht, wird womöglich die Wahl entscheiden. Und nebenbei zeigen, ob es ihr um den Sieg für die Demokratische Partei oder ihre persönliche Karriere geht.
Und mal was zu den Swing states: wichtig ist doch nicht, ob man diese bei den wahrscheinlich sowieso für die Demokraten stimmenden Wählern gewinnt (denn vor allem diese nehmen doch an den Primaries und Caucuses teil), sondern ob man genügend Leute aus der republikanischen oder independent-Ecke zu sich zieht. Denn dass jemand Ohio gewonnen hat, hat noch nie den sicheren Sieg bedeutet, es hat nur die Wahrscheinlichkeit erhöht, siehe Kerry.