“Ich möchte sie nicht in Angst und Schrecken versetzen, mit dem was uns erwartet oder nicht erwartet.”, sagte der nunmehr sechsfache grüne Bundessprecher Prof. Alexander van der Bellen einleitend zu seinem gestrigen Vortrag an der Universität Salzburg. Und so war es dann auch, denn sein Vortrag beschäftigte sich viel weniger mit dem Problem “Klimawandel”, denn mit dem Lösungsansatz “Energiewende”. Es sollte ein informativer, vielleicht ein wenig einseitiger aber durchaus unterhaltsamer Vortrag werden. Oder wussten Sie, dass ein ehemaliger Uni-Konkurrent von Van der Bellen von einem Eisbären gefressen wurde?
“Bauen Sie ruhig eine Ölheizung in ihr neues Haus – mein Mitleid haben Sie nicht.”
Wenn es um neue Energieformen geht, greift der Grünenchef mittlerweile zunehmend zu markigen Sprüchen, etwas das angesichts seines bekannten Stils in TV-Auftritten durchaus neu war. Wohl aber nicht unangenehm, und es brachte Auflockerung in den einen oder anderen vielleicht etwas langweiligeren teil. Früh stellte er klar, dass die Frage der Energiewende auch eine moralische sei, und er trat der “unser Land ist so klein, dass es aufs Weltklima eh keinen Unterschied macht, ob wir etwas tun oder nicht” energisch entgegen. Die nackten Zahlen im Bezug auf Österreich waren relativ erschreckend, sind wir doch in kompletter Gegenrichtung zu unseren ambitionierten Kyotozielen (-13% CO2 Emissionen) unterwegs.
In diesem Kontext nahm er auch China und Co in die Pflicht, die sich laut ihm heute nicht ganz zu Unrecht beschweren, warum gerade sie – deren moderne Industrialisierung erst begonnen hat – zum Klimaschutz beitragen sollen, wo doch der Westen für die bisherige Situation verantwortlich zeichnet. Er betonte, man solle niemals die Trägheit des Klimas vergessen, sodass man in 50 Jahren auch die CO2-Emissionen der asiatischen Starter, bzw. deren Folgen verspüren wird.
“Und wann planen wir die zweite Donau?”
Erklärungen über die Funktionsweise des Treibhauseffekts oder ähnliche Details übersprang Van der Bellen weitestgehend ausgespart, er outete sich als jemand, der nicht über Detailwissen verfügt, als studierter Ökonom jedoch umso mehr über wirtschaftliche Effekte der Auswirkungen globaler Erwärmung. Es ging auch um mögliche Alternativen zu Öl und Gas, die letztlich auch politisch zu mehr Unabhängigkeit von Russland und Co. führen sollen (“Pellets statt Putin”). Dabei präsentierte er auch Wasserkraft als enden wollende Lösung, und errechnete, dass in 5 Jahren 6 neue Donaukraftwerke gebaut werden müssten, um nur den steigenden Energiebedarf zu decken – der auch heute ohne (Atom-)Stromimporten nicht befriedigt werden könnte.
“Das Teuerste, was wir uns leisten können ist gar nichts zu tun.”
Dann wurde gerechnet – und abgerechnet. Während er über Schwarz-Grün in Oberösterreich durchaus positiv resümierte, gab es scharfe Kritik an der SPÖ, nicht zuletzt weil diese im Juli 2006 durch die Herausnahme von Solar- und Photovoltaik aus dem Ökostromgesetz gemeinsam mit ÖVP und BZÖ selbiges quasi zu Grabe getragen hatte. Die Auswirkungen auf das weltweite Bruttosozialprodukt, als Resultat der Kosten für Energieumrüstung, bezifferte er mit einem Prozent. Die Auswirkungenn einer moderaten Klimaerwärmung (Van der Bellen hielt sich hier stets an die unteren Prognosen) schätzte er hingegen auf 15 bis 20% Minus, ein Wert der alle neueren Weltwirtschaftskrisen relativ alt aussehen lassen würde. Eine Verfehlung der (verbindlich selbst gesteckten) Kyotoziele bis 2012 könnte Österreich zudem bis zu 2,5 Milliarden Euro kosten, die sich aus der Vertragsverletzung international und auf europäischer Ebene so wie dem KAuf von CO2-Paketen errechnete. Der Ökostrometat des Bundes ist übrigens niedriger als der Forschungsetat der Firma Fronius (stellt unter anderem Solarelektronik her) mit ihren etwa 1000 Beschäftigten.
Interessant war auch das Beispiel des Bezirks Güssing, der vor einiger Zeit noch der ärmste Österreichs war. Dieser beschloss, energieautark zu werden, und setzte dies sehr konsequent und annähernd vollständig um. Heute liegt das Einkommensniveau im Durchschnitt, ohne dass durch die Unabhängigkeit die Energiepreise vom üblichen Maß abweichen würden. Doch das für den Verbrauch ausgegebene Geld bleibt und zirkuliert in der Region, und stärkt diese.
“Das Klima ist mir scheißegal.”
In der dem Vortrag folgenden Diskussion wurde Van der Bellen nicht nur mit einem Co-Vortrag eines gewissen Roland Mösl (Gründer der PEGE), sondern auch mit durchaus kritischen Fragen konfrontiert. Ein Herr aus dem Publikum stellte die Auswirkungen des Menschen auf den Klimawandelt sehr vehement in Frage, was van der Bellen zunächst dazu veranlasste, die Evidenz trotz des breiten wissenschaftlichen Konsens nicht als hundertprozentig zu nennen, den Preis für Energiespar- und Umrüstmaßnahmen aber als eine Art Versicherungsprämie für den “Fall das” zu betrachten. Sehr ehrlich fand ich das Bekenntnis, dass das Anerkennen des menschengetriebenen Klimawandels durchaus auch eine politische Einstellung ist. Bezugnehmend auf das ganz zu Anfang gezeigte Bild des Eisbären auf einer abgetauten Scholle setzte der Zuseher dann nach, und empfahl ihm, sich besser mit dem Thema Armut auseinanderzusetzen.
Dies führte zum titelgebenden Zitat und der einleuchtenden Feststellung, dass beides unmittelbar zusammenhinge. Somit geht es um mehr als bloß die Reduktion von Treibhausgasen und weniger Temperaturanstieg, sondern letztlich auch um die Vermeidung weit greifender und klimabasierter Armut, speziell in Gegenden, in denen die Menschen heute bereits Hunger leiden.
Ich habe zusätzlich eine kleine Grafik vorbereitet, die zeigt, was im relativ dicht besiedelten Süden von Bangladesch passiert, sollte der Meeresspiegel um 3 Meter ansteigen (ein Meter mehr, und die indische Millionenstadt Kalkutta wäre direkt von den Wassermassen betroffen). Derartige, irreversible Überflutungen sind bei weitem nicht die einzigen Auswirkungen, die vor allem Krisenregionen treffen werden. Die heute bereits geschwind größer werdenden Wüsten, etwa in Mittelafrika, werden sich noch schneller ausbreiten. Der Vergleich mit der Versicherungsprämie gefiel mir persönlich sehr gut, bloß wird es der Situation nicht ganz gerecht, denn die Versicherungsteilnehmer zahlen hier, um den Ernstfall zu vermeiden, nicht um ihn im worst case finanziell auszugleichen.
“Du schlägst die Zeitung auf, und siehst nichts – absolut nichts.”
Vom durchaus grünaffinen Publikum gab es dann auch noch die Frage, warum in den herkömmlichen Medien und trotz ORF-Klimaschwerpunkt immer noch relativ wenig über die Problemstellung zu finden sei. Van der Bellen zeigte hier ein Dilemma auf, in dem die Grünen diesbezüglich stecken. Die meisten Kommentare und Forderungen werden weitestgehend ignoriert, da sie von Seiten der grünen Partei nichts Besonderes darstellen. Es sei denn, es geht um heikle Vorschläge, wie etwa “Tempo 100″, die sich mitunter gut emotionalisieren lassen. Dies meist zum Schaden der Grünen, die immer noch (vielleicht auch dank Deutschland) den Ruf einer “Benzinverteuerungspartei” haben, obwohl der Rohöl- und damit auch der Treibstoffpreis in den letzten Jahren von ganz alleine explodiert ist. Neue Schuldige, noch besser aber neue Energieformen, werden spätestens dann gefunden werden, wenn Autofahren für den Normalbürger endgültig nicht mehr leistbar ist.
Fazit
Es ist Zeit zu handeln, diese (bekannte) Botschaft kam durchaus an. Je später die Energiewende begonnen wird, desto schwieriger und teurer wird sie später werden. Insofern war der Vortrag von Alexander van der Bellen eher vertiefend als informierend. Viel neue Erkenntnisse brachte er nicht, detailierte technische oder naturwissenschaftliche Erläuterungen blieben den Zuhörern erspart. In dieser durchaus unterhaltsame, hörenswerte Ansprache war der Fokus auf Auswirkungen, möglichen Lösungen und Moral zumindest erfrischend. Mit Moral meine ich übrigens nicht einen permanent erhobenen Zeigefinger, sondern den beständigen Hinweis an den Einzelnen, wenigstens den nötigsten Beitrag einzubringen, unabhängig von der Gehaltsklasse. “Wenn schon ein SUV, dann wenigstens einer mit Hybridantrieb.”
Und hier gibt es eine kurze Galerie zum Auftritt.







um die notwendigkeit der energiewende zu erklären, kann einem das klima wirklich “scheißegal” sein:
denn es stimmt natürlich, dass Ö selbst bei totalerfüllung aller klimaziele kaum auswirkungen auf das weltklima hätte.
ABER:
* zigtausende neue arbeitsplätze durch technologieexport
* was weiß ich wie viele milliarden euro jährlich sparen, die zu gasprom und zu den ölscheichs fließen
* die menschen finanziell entlasten durch gesparte energiekosten
* und folglich auch einen beitrag gegen armut in Ö zu leisten (stichwort heizkostenzuschuss)
* und letztendlich die ebenfalls dazugehörende lösung des verkehrsproblems…
…sollten eigentlich argumente genug sein für klimaschutz und energiewende! man kann es daher mit der (individuellen und kollektiven) ökonomischen vernunft begründen.
ein trauerspiel war auch die diskussion, ob die ökostromförderung 4 mio € mehr bekommt und wer die “unsumme” denn bezahlen soll…
saubere energiegewinnung, energieeffiziennte baumaßnahmen, hybridautos und sonstige maßnahmen haben zudem nicht nur einen finanziell positiven effekt auf den einzelnen und die wirtschaft. sie haben auch nicht nur einen positiven effekt auf den klimawandel. sie haben auch einen positiven effekt für den umweltschutz (wird ja gern verwechselt). es ist einfach ein unterschied ob halbe elektroautos wenig abgase in ballungsräumen ausstoßen, oder ob benziner die luft vollpumpen. wer jemals neben einer viel befahrenen straße gegangen ist und dabei geatmet hat (müsste also so ziemlich jeder sein), kann sich nicht wünschen, dass das so bleibt. das verbessert die lebensqualität (vor allem in den städten) und in weiterer folge die gesundheit der menschen. (was wiederum zu kostenersparnis führt).
so kann man laaange weiter machen. den technologischen fortschritt mit investitionen zu forcieren und zu nutzen, ist definitiv wünschenswert. man muss nur darauf achten, dass das sozial gerecht geschieht. arme menschen (und arme länder) müssen unterstützt werden beim umrüsten.
und da würde ich mir wünschen, dass van der bellen mal im gemeindebau oder auf einem zeltfest derartige reden hält (ich weiß nicht ob ers tut).
Tja, das ist das Problem mit “weichen” Themen: Da gibts zig Diskussionen, ob die 4 Mio. Euro gut investiert wären (ja, wären sie, 8 oder 12 Mio. Euro wären noch besser), aber wenn eine Bank sich in den Bankrott reitet, zahlt der Staat “mal eben” einige Milliarden aus Steuereinnahmen, “sonst würde das Finanzsystem zusammenbrechen”. Langfristig könnten 4 Mio. fehlende Euro mehr kosten als der Bankrott einer IGB oder Bawag.
Äh ja, ein sehr sehr guter Beitrag, das Klima ist halt wirklich eine solche Sache. Es gab auch in Deutschland die Hoffnung, der Umweltschutz könnte Arbeitsplätze im Osten schaffen, leider aber kamen die umweltfreundlichen Anlagen aus China und Indien. Diese umweltfreundlichen Anlagen wurden mit hoher Umweltverschmutzung erzeugt, darüber wurde aber leider in den Medien sehr sehr wenig berichtet, davon, daß ein Uni-Konkurrent von einem Eisbär gefressen wurde, habe ich leider auch noch nichts gehört. Ich kenne ein Mitglied der Grünen Oberösterreich. Er heißt Franz und hat bei Alexander van der Bellen studiert, er setzt sich für Umweltschutz ein, aber er sagt auch man sollte auf dem Boden bleiben. Natürlich will man die Umwelt schützen, aber was tun. Die meisten Menschen sind ja nicht mal bereit, daß Handy auszuschalten, wenn man sich schlafen legt. Aber wie gesagt ich halte den Beitrag für sehr sehr gut. Allerdings habe ich bisher etwas zu wenige Informationen über die Energiewende erhalten. Rudi Anschober, hat bisher meine Fragen auch noch nicht beantwortet. Rudi Anschober lobt sich selbst, indem er behauptet er habe schon mehr als Alexander erreicht, da er ja bereits in der Regierung sitze, davon können Alexander noch lange träumen!
Danke für diesen gut geschriebenen Artikel. Bei der ÖVP dürfte es kein sehr ausgeprägtes Problembewusstsein geben:
http://de.youtube.com/watch?v=846tlpV96HU
nicht nur in dieser Frage, leider.