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Eine gute und eine schlechte Nachricht (und ein Nachtrag zum Firefox Download Day)

Gefangen

Fangen wir mit der guten Nachricht an. Blogger werden immer bedeutender, speziell auch auf politischer Ebene. Sie übernehmen, egal ob in entwickelten Industriestaaten oder mittelafrikanischen Diktaturen, eine Watchdog Funktion. Sie transportieren sonst unbekannte Information nach aussen, prangern Verstöße gegen Gesetz und Menschenrechte an und berichten von der Lage. Das führt uns zur schlechten Nachricht.

Wer den Mächtigen auf die Finger schaut, begibt sich in Gefahr, von der Staatsgewalt in Gewahrsam genommen zu werden. Zusammengefasst liest sich das im Tecchannel so:

“Einige Blogger wurden festgenommen, weil sie über korrupte Regierungen berichtet hatten, andere, weil sie die Missachtung von Menschenrechten anprangerten. Laut dem Bericht steht die wachsende Zahl an Verhaftungen unter anderem mit der wachsenden politischen Einflusskraft der Weblogs in Zusammenhang. Die Verfolgung kritischer Blogger nehme vor allem zu Zeiten politisch wichtiger Phasen wie etwa während eines Wahlkampfes deutlich zu.”

Leider finden sich keine Zahlenangaben, wohl aber die Anmerkung, dass rund die Hälfte der Inhaftierungen auf das Konto des Irans, Ägypten und des diesjährigen Olympia-Gastgebers China gibt. Zivile und politisch organisierte Proteste gegen die Zensurpolitik im Reich der Mitte konnten den Sport leider nicht dazu bewegen, ein Zeichen zu setzen. Aus dem durch Sturmschäden gebeutelten Burma wird die Gefangennahme von 344 Personen berichtet, die mehrheitlich Blogger gewesen sein sollen.

Die burmesische Internetpolizei der Regierung arbeitet mit noch strengeren Maßnahmen als ihre Nachbarn China und Vietnam. Die Militär-Junta filtert eindeutig Websites mit Aussagen der Opposition. Unter starker Beobachtung stehen vor allem die Internet-Cafes. Dort werden alle fünf Minuten Screenshots (Bildschirmfotos) zur Überwachung der Tätigkeit des Benutzers angefertigt. Die Aktivitäten der Behörden waren im Juni zum Beispiel gezielt auf Internettelefonie und Chat, eine Blockierung von Goggles „Gtalk“, ausgerichtet. Hinter dieser Absicht standen zwei Gründe: den gewinnbringenden Telekommunikationsmarkt bei Ferngesprächen, der unter der Kontrolle von staatlichen Firmen steht, zu verteidigen und Cyber-Dissidenten, deren Kommunikationsmittel schwer zu überprüfen sind, zu stoppen.” (Reporter ohne Grenzen)

Diesbezüglich will ich hier etwas einbringen, was ich eigentlich direkt zum gestrigen Firefox Download Day tippen wollte. Dort gab es nämlich eine “Karte der Versprechen”, auf der jeder sich und sein Heimatland eintragen konnte und versicherte, den Firefox 3 auch innerhalb von 24 Stunden nach Veröffentlichung herunterzuladen, zwecks Weltrekord (ich hab’s eingehalten). Diese wird nun aktualisiert mit einer Übersicht der gezählten Downloads. Das Bild auf beiden ist das gleiche (siehe Ausschnitt). Rot bis gelb sind vorwiegend OECD Staaten, wo Breitbandinternet mittlerweile Standard und freie Meinungsäußerung weitgehend etabliert ist. Zudem handelt es sich um Länder mit stabilen politischen und wirtschaftlichen Systemen.

Am unteren Ende der Skala bewegen sich dann entweder kleinere Industrieländer, oder jene Regionen, in denen es zwar genug Bewohner geben würde, die “Onlinequote” aber schätzungsweise gering ist. Oft korrespondiert das mit wirtschaftlichen, und noch mehr mit politischen Zuständen. Afrika wimmelt nur so von Diktaturen oder diktaturähnlichen Regimen, unzählige Nationen gelten als instabile “failed states” in denen es zwar offizielle Volksrepräsentanten gibt, die wahre Macht aber zumeist zwischen rivalisierenden Clans verteilt ist. Oder es handelt sich zwar um stabile Politkonstrukte, die sich jedoch auf Zensur und Maulkorb stützen. Österreich mit seinen etwa 8 Millionen Einwohnern liegt auf einer Skala mit dem “milliardenschweren” China. Derartige Vergleiche lassen sich auch mit chinesischen Nachbarstaaten und Teilen Südostasiens ziehen, ich denke aber, es ist klar worauf ich hinaus will.

Wenn ich nun sage, die Menschen in Afrika brauchen Internetzugang, wird garantiert wer entgegenhalten, dass eine kontinuierliche Versorgung mit Nahrung und Trinkwasser viel wichtiger sei. Nicht ganz zu Unrecht. Jedoch: Neben der Erfüllung dieser Grundbedürfnisse ist die Bildung das nächstwichtigste Gut. Sie ermöglicht Hilfe zur Selbsthilfe, die dauerhafte Verbesserung der eigenen Lebensbedingungen und Chancen, und die Ausbildung politischen Willens. Bildung, das ist im wesentlichen Informationsaustausch- und weitergabe.  Eine Funktion die das Internet spätestens seit der Web 2.0 – Ära hervorragend erfüllt. Will man also zukunftsorientiert arbeiten, muss man den Menschen in den Armenhäusern und Kontrollstaaten der Welt so früh wie möglich den Zugriff ins World Wide Web ermöglichen, es ist DIE Informationsquelle schlechthin geworden. Die Sache wäre auch nicht einseitig, weil mir beispielsweise ein afrikanisches Schulkind, wenn auch in holprigem Englisch, viel authentischere Eindrücke der Lage vermitteln kann, als es die zigfach gefilterte und über Agenturen gelaufene Nachricht des besten Auslandskorrespondenten der Welt täte.

Das Burma, China und Co. eine “nationale Firewall” betreiben, zeigt über wieviel Macht Wissen eigentlich verfügt. Eine Macht, die unbedingt gerecht verteilt werden sollte.

[creative commons license] photo credit: dem_Christoph

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