Gleich eines vorweg: Die heutige Aktion der SPÖ, die Selbsterniedrigung vor der Achse Dichand-Strache, ist pfui. Ekelhaft. Widerlich. Genauere Ausführungen hierüber überlasse ich jedoch Helge. Die SPÖ hat auch den Kanzler. Und einen Parteichef. Beide sind neuerdings nicht mehr in Form einer Person zu finden. Das oberste Tier der Regierung spielt weiter der chronische Umfaller mit dem Lieblingshobby Fettnäpfchenzielhüpfen. Wäre es eine olympische Disziplin, der ÖOC müsste nicht lange grübeln, wen er hierfür nach Peking schicken würde. Gusenbauer hat es sogar geschafft, dass ihm aus relativ harmlosen Witzen (“Unsere Abgeordneten hören um 16 Uhr auf zu arbeiten.”), die sonst auf Stammtischen Gang und Gäbe sind, ein medialer Strick gedreht wird. Das Ende des Volkskanzlers wurde der Beginn eines großen Imageproblems der SPÖ, dass sie nun auf die harte Tour zu lösen versucht.
Da gibt es jetzt also die Doppelspitze. Infrastrukturminister Faymann, der “Liebling des Boulevards”, ist neuer SPÖ-Chef. Obwohl man diese Bombe geschickterweise am Tag des “Endspiels” (Österreich – Deutschlannd) platzen ließ, erreichte diese Nachricht sehr schnell die breite Masse. Schnell wurde vom Koalitionspartner ÖVP der Arbeitsunfrieden heraufbeschworen, wohl hoffend aus der “Unverlässlichkeit” der roten Regierungshälfte Kleingeld machen zu können. Mit dem Brief an Dichand haben die Sozialdemokraten nun aber den Grundstein für mehrere Szenarien geschaffen. Zweien davon will ich mich nun widmen.
Szenario 1: Der geniale Politcoup
Dieses Tritt ein, wenn die Doppelspitze funktioniert, und die Partei von der Annäherung an Dichand profitiert. Viele sehen die jetzige Lösung mit zwei oberen Kompetenzträgern nur als allfälligen Zwischenschritt zu einer Ablöse im Kanzleramt. Gusi ist unpopulär geworden, und obwohl der Rest der Partei nicht wesentlich besser performt, wäre das eine durchaus realistische Konsequenz. Was aber, wenn nicht? Es wird zwar sehr geschickte Koordination und PR brauchen, damit die SPÖ trotz zweier Häuptlinge mit einer positiv wahrnehmbaren Stimme auftreten kann, ausschließen würde ich es nicht.
Die Absprachen innerhalb der Partei läuft weiter über das eigene Personal. Was aber, wenn die Krone – als meistgelesenste Zeitung des Landes mit ihrer erschreckend hohen Reichweite – die PR dazu liefert? Die SPÖ hat die letzten paar kritischen Wähler zu verlieren (dankenswerterweise wohl an die Grünen), unter den Arbeitern aber viel (zurück zu) gewinnen. Einige Analysen belegten, dass in den vergangenen anderthalb Jahren viele einstige Rotwähler nun vermehrt den Strachisten anheim gefallen sind. Gleichzeitig kriegt die ÖVP als Weiterverfechter der bedingungslosen Ratifizierung durch einen “verläßlichen Partner in Europa” den passenden “Schwarzen Peter” für Volksferne.
Das plötzliche Ja zu einer eventuellen neuen Version des EU Vertrags ist nicht nur eine massive Positionsänderung der SPÖ, sondern in dem Fall auch eine Strategieänderung. Ging es zwischen SPÖ und ÖVP die meiste Zeit nur darum, wer in der gegenseitigen Erosion möglichst wenig verliert (Wechselwählerschaft zwischen Rot und Schwarz dürfte sich dieser Tage in überschaubaren Zahlen bewegen), wäre dies hier eine Wende hin zu “Wähler zurückgewinnen”. Wenn es denn wirklich klappt.
Szenario 2: Das doppelte Totalfiasko
Wo Licht ist, ist auch Schatten. Und wo etwas gut gehen kann, kann es auch furchtbar schief gehen (muss es sogar irgendwann, glaubt man Murphy). Wenn die Doppelspitze – vor einer Ablöse – versagt, und die Krone nicht ordentlich mitspielt, steht man in der Löwelstraße vor einem riesigen Scherbenhaufen. Dann gilt es innerparteiliches Chaos zu beseitigen, und – als wenn das alleine nicht schon genug miese PR wäre – zuzusehen, dass sich nicht auch die Kernwählerschaft vom Acker macht. Läuft es so blöd, treibt man durch diese Kursbestätigung noch mehr Menschen in die Fänge von Blaurange. Frei nach dem Motto “Der Strache hats doch immer gesagt, jetzt sehens sogar die Sozis ein.”
Die Kombination aus beidem würde die SPÖ auf Monate hinweg belasten, und die ÖVP würde – während man sich in der Kanzlerpartei noch umtriebig nach neuen Gesichtern umschaut – fröhlich Neuwahlen vom Zaun brechen. Der Wahlausgang wäre mit einem VP-Sieg, einem SP-Absturz und einem vermutlich starken Zugewinn des “Dritten Lagers” verbunden. Als Folgeregierung ließen sich dann allerlei Grauslichkeiten kombinieren. Angesichts dieser Möglichkeit müsste man fast schon hoffen, dass Szenario 1 eintritt.
Szenario 3 – X: Alles dazwischen
Wie üblich kann auch kein Extremfall eintreten. Z.B. Die Doppelspitze macht einen medial unspektakulären Übergang zur Führung unter einem neuen Kanzler Faymann, die Krone hält sich mit Positiv-PR aber zurück und am Ende steht der Status Quo mit neuen Gesichtern und einer neuen Position der SPÖ zum Reformvertrag. Oder aber die Doppelführung zerbricht, doch die Krone rettet einen Kanzler Faymann vor dem Umfragetief. Et cetera pp.
Das wahre Problem
zieht sich wie ein roter Faden durch alle erdenklichen Szenarien. Faymann und Gusenbauer machten diesen Schritt nicht, weil sie plötzlich irgendeine inhaltliche Erleuchtung ereilt hat. Das die Krone politisch relevant ist, ist für viele Nichtleser nix neues. Wieviele Kroneleser sich dessen bewusst sind, weiß ich nicht. Ich vermute aber, dass es nicht wenige sind. Wie gut oder schlecht die neue Strategie der SPÖ klappt hängt jedoch unmittelbar mit dem Gutdünken des 87jährigen Mediengreises Dichand ab. Damit vertritt ein Blatt, das gefühltermaßen jedes zweite Titelblatt mit irgendwelchen Anti-Asylantenstories füllt, auf einmal 35.34% der Wähler, oder auch 1.663.986 Menschen direkt im Parlament. Wenn die Doku “Krone – Tag für Tag ein Boulevardstück” nur einigermassen präzise die Wirklichkeit reflektiert, so sollte sich die SPÖ ein fettes “Wir sind Dichand” Schild auf ihre Parteizentrale montieren.
Die einzige Hoffnung, die diese Diskussion im Moment birgt ist, dass vielleicht wieder eine Diskussion um Zeitungsvielfalt und Presseförderung in Österreich entsteht.
Foto Faymann: [creative commons license] photo credit: SPÖ Presse und Kommunikation






Es hätte vielleicht für die Grünen einen positiven Effekt: Die Wähler der SPÖ kommen in Scharen zu ihnen, und nach der Neuwahl sieht sich die ÖVP dann gezwungen, da nichts anderes geht, will man keinen EU-weiten Skandal heraufbeschwören, eine Koalition mit den Grünen einzugehen. Womöglich sogar eine erfolgreiche. Im Extremfall vielleicht sogar eine fruchtbare. Oder im absoluten Katastrophenfall sogar eine, die am Ende in den Umfragen Stimmen zulegt gegenüber SPÖ und FPÖ.
Gusenbauer und Faymann (oder Faymann und Gusenbauer ;) ) wollen scheinbar die SPÖ zu einer Art FPÖ machen, um erfolgreicher zu werden. Mit der Krone im Rücken könnte das sogar eine Zeit lang klappen. Es könnte aber auch schief gehen, denn viele gehen statt zum Schmiedl gleich zum Schmied…
Für mich hat die SPÖ und deren machtloser Sandkastenkanzler nun die letzte Glaubwürdigkeit verloren. Zusätzlich erschreckend ist, dass die SPÖ auf einen populistischen Strache-Dichand-Kurs einschwenkt.
Wahltaktisch möge das ev. aufgehen (kann ich mir aber letztlich nicht vorstellen), aber es hat zur Folge, dass Politik zukünftig ausschließlich über Populismus laufen wird. Statt 1 Strache, sind’s dann gleich mehrere. Danke, Gusi & Co.
Gusi auf staatstragenden Reisen ……
bye bye Gusi, es war schön mit dir, es hat mich sehr gefreut. *kchh kchh*
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Der O-Ton aus dem Mittagsjournal, siehe diese Reportagen-Besprechung.
Schwanengesänge in der Blogosphäre
Nachrufe und weitere Reiseempfehlungen gibt es übrigens all…