Als interessierter Fußball-Fan und Hobbyspieler selbiger Sportart ist eine Europameisterschaft ein echtes Highlight. Es versteht sich von selbst, dass man da jeden Tag vor der Mattscheibe mitfiebert, mitbangt oder mitanalysiert. Ein interessanter Aspekt, abseits von allen spielerischen Darbietungen, sind aber auch die nationalstaatlichen Scharmützel, die bei einer EM ausgetragen werden. Kulturelle Eigenheiten werden hervorgehoben, alte Ressentiments geschürt oder aber tradierte Verhaltensweisen „reaktiviert“.
Erwähnenswert: Das Tohuwabohu rund um die Partie Deutschland gegen Polen. Über die Animositäten des zwischenstaatlichen Verhältnisses muss nicht gesprochen werden, die Geschichte schmerzt noch immer, zumal die Polen. Die deutschen Boulevardmedien sind sicherlich nicht ohne, aber was sich zwei polnische Massenblätter in Form von Karikaturen abzudrucken wagten, war gelinde gesagt mutig. Eine Karikatur zeigte Leo Beenhaker, Globetrotter und Coach der polnischen Equipe, wie er die abgetrennten, vor Blut triefenden Köpfe von Bundestrainer Joachim Löw und Kapitän Michael Ballack in beiden Händen hält. Überschrift: „Leo, bring uns ihre Köpfe“.
Beim Fußball gelten oftmals andere Gesetze und wo mancherorts ob der einen oder anderen Karikatur Botschaften angezündet werden, blieb die Reaktion der Deutschen relativ friedlich. Für mehr Furore sorgte da die jüngste Meldung aus dem östlichen Nachbarland, dass ein Abgeordneter im Sejm (dem polnischen Parlament) dafür plädiert habe Lukas Podolski (dem gleich zweifach erfolgreichen Torschützen gegen Polen) auszubürgern. Dumm nur, dass der Stürmer des FC Bayern nur die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt.
Aber auch andere Beobachtungen sind durchaus nicht weniger amüsant: Der türkische Nationaltrainer Fatih Terim etwa, ein Volksheld in der Türkei, wurde nach dem pomadigen Auftritt seiner Truppe gegen die Portugiesen gar anderntags zum Rücktritt aufgefordert; die Massen waren in Wallung, selbst der Streit darüber, ob die regierende AKP verboten wird, war da vergessen. Der Trainer selbst ist sich seiner Sache sicher und lässt nicht ab von seiner bisweilen arg aggressiven, provokativen Art (er wurde schon einmal wegen Körperverletzung angezeigt).
Auch die Gastgeber dieser Europameisterschaft sind im medialen Fokus. Von deutscher Seite aus werden längst bekannte Rollenbilder verteilt: Hier die Schweizer, die ihr eigenes Sommermärchen („Summermärli“) schreiben möchten, sich gastfreundlich geben und im kollektiven Freudentaumel sind; und dort die miesepetrigen Österreicher, denen selbst die (landeseigenen!) Fußball-Legenden Toni Polster und Hans Krankl die nötige EM-Reife absprechen.
Man wird an diesem Schweiz-Bild der Deutschen nicht rütteln können. Dass sie uns dort nicht haben wollen, nicht unsere Studenten, nicht unsere Ärzte, und uns, ja, uns Deutsche, als Folgeschaden der Globalisierung betrachten, das passt nicht in unser Weltbild. Dieses munter, urig klingende Deutsch, das sie sprechen, ihre konziliante Art: Die muss man einfach gern haben.
Die Österreicher, mit denen uns wesentlich mehr verbindet (wo wir wieder bei der Geschichte wären…) werden dabei nur mit eher belustigenden, im besten Fall bemitleidenswerten Kommentaren bedacht. Doch gerade diese Melange aus deutscher Ignoranz (die können eh nichts, die mögen uns eh nicht, die mögen sich ja selbst nicht) und österreichischer Larmoyanz (unsere Fußballer sind schlecht, unsere Politik ist mist, schaut uns an: Wir Armen!) macht die „Ösis“ so sympathisch. Die „Welt zu Gast bei Verlierern!“, das ist selbstironisch, das ist weit weg von der Schweizer Perfektion, aber irgendwie auch total menschlich.
Sie sind schon sympathisch, die da aus dem kleinen Österreich.






Ich erhebe Einspruch! Wir haben aus zwei Spielen statt 6 durchaus machbarer nur einen Punkt – und trotzdem freuen sich alle wie verrückt und träumen von einem Sieg gegen Deutschland in Wien. Man sollte zwar die realen Erfolgsaussichten nicht ignorieren, aber alleine das wir trotz unserer stürmerischen Ineffizienz in einem kollektiven Freudentaumel sind, widerspricht doch deiner These zur Zeit ein bisschen ;)
Ich hoffe auf die Österreicher, es sollte ja nicht so schwer sein, gegen Lehmann eine dieser Fast-Tore von Polen zu einem echten Tor zu machen ;)Wir sprechen schließlich von Lehmann :D
Und Österreich sollte in meinen Augen gewinnen. Jogi Löw hat aus unserer Mannschaft im Vergleich zu Klinsmann eine Mickrigkeit gemacht! Die Deutschen beginnen schon wieder zu spielen wie in den 90ern. Und das kann nicht sein, das sollte nicht sein.
Und Deutschland sollte auch verlieren, weil mich diese Überheblichkeit (“euch schlagen wir mit 5:0″ (aber sich gegen Polen schwer tun)) gerade etwas nervt. Und das sage ich als Deutscher ;)
Jogi Löw sollte sich Sorgen machen: Die Voraussetzungen 2008 sind unverhoffterweise genau dieselben wie die vor Cordoba. Und schon damals war die Mannschaft nach einer guten WM nicht mehr so gut.
Die Ausgangslage ist jedoch nicht die selbe wie vor Cordoba: Damals konnte Österreich nur noch die Deutschen mit aus dem Bewerb kicken. Am Montag können wir die Deutschen aus dem Bewerb kicken, jedoch selbst noch den Aufstieg schaffen ;)
Aber diese Arroganz, die Jogis Truppe versprüht, die beobachte ich überhaupt nicht. Ganz und gar nicht. Österreich wird hier bei jeder Übertragung mit Lob und Respekt überhäuft.
Außerdem sehe ich den Trainerwechsel als keinen, weil, wie selbst Lukas Podolski dieser Tage zu Protokoll gab, Deutschland immer schon von zwei Trainern (Löw + Klinsmann) trainiert worden ist.
Das wird kein Cordoba, da bin ich mir sicher.