
Für eine Partei die über Jahrzehnte hinweg von ihrem Mythos der Unverwundbarkeit zehrte und eine eins zu eins Identifikation mit sich und dem Bundesland Bayern schuf, ist der Verlust der absoluten Mehrheit und die künftige Abhängigkeit von einem Koalitionspartner, gelinde gesagt, ungewohnt.
Die Christsoziale Union, die politische Bewegung, die sich immer damit rühmte am bayrischen Puls der Zeit zu sein, zugleich Bewahrer des Stammtisch-Konservatismus und die politische Avantgarde eines Modernisierungsprozesses zu sein, wird sich an die neuen Umstände schnell gewöhnen müssen. Der glücklos agierende Parteivorsitzende Erwin Huber ist das erste große Opfer, ebenso wie die intelligente Generalsekretärin Christine Haderthauer, die am heutigen Tag ebenfalls ihren Rücktritt eingereicht hat. Die Parteispitze wird sich nun um Horst Seehofer scharen, den Berlin-Kenner (einst Gesundheitsminister unter Kohl, in der Großen Koalition zuständig für das Ressort Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft), der das Licht der Medien nicht zu scheuen braucht, es gar immer wieder gekonnt aufzusuchen weiß. Kurz: rhetorisch versiert, charmant, bisweilen gar äußerst galant.
Doch das wird nicht reichen. Es wäre konsequent, wenn nun endlich eine Art Tabula Rasa mit der Ära Edmund Stoiber vonstatten gehen würde, deren Kronprinzen eben jene, Huber und Seehofer, sind. Dies bedeutet zugleich auch, dass ein Rücktritt von Ministerpräsident Beckstein notwendig wäre, auch wenn dieser dies noch nicht so recht eingesehen zu haben scheint. Die CSU muss sich von den genannten Mythen verabschieden: Sie präsentiert eben nicht Bayern, alle Bayern, als solche. Ein echter Bayer habe man die CSU zu wählen, ließ Beckstein im Wahlkampf verlauten. Dass das nicht so ist und dass sich die bayrische Landesbevölkerung von diesem Trugschluss endgültig befreien möchte, hat sie am Sonntag eindrücklich unter Beweis gestellt.
Nach den personellen Veränderungen wird es Zeit wieder näher bei den Menschen, beim Wähler zu sein. Das mag sich abgedroschen anhören, ist aber gerade auf kommunaler Ebene eine Prämisse um in den alten Turm der absoluten Mehrheit zurückkehren zu können – falls dies überhaupt möglich sein sollte. Die Freien Wähler, eine Art Protestpartei der bürgerlichen, typischen Wählerklientel der CSU, ist eben kein spontanes Phänomen, sondern schon seit Jahren auf der kommunalen Ebene aktiv. Dort, um es im Politsprech zu sagen, geht es darum sich zu „kümmern“, den Leuten, gerade auch den vielen Kleinbauern auf dem Land, unter die Arme zu greifen; konkrete Lösungsansätze für deren Probleme und Sorgen zu finden. Das schafft man nur mit einem pragmatischen, volksnahen Politikansatz, nicht mit einer zweimonatigen Bierzeltpropaganda, die zur Wahl die nötigen Stimmen einbringen soll.
Die CSU wird zu zeigen haben, ob sie dazu imstande ist. Selbstsuggestion wird da schlichtweg nicht genügen.
Update: Nun musste er sich also doch dem Druck der einzelnen bayrischen Bezirksvertretungen beugen: Günter Beckstein. Ein durchaus nicht unsympathischer Franke, der sich jahrelang im Windschatten von Edmund Stoiber als Law-and-Order-Innenminister profilierte. Etwas über ein Jahr hielt er sich an der Spitze des Vorzeigelandes Bayern; ein Jahr, in dem er nur wenig bewirken konnte. Im Gespräch für die Nachfolge: Der schon für das Amt des Parteivorsitzenden vorgeschlagene Horst Seehofer (medial beliebt, dazumal Berlin erfahren) und andere (daraunter auch Thomas Goppel, Sohn des ehemaligen Ministerpräsidenten Alfons Goppel und der ehemalige Fraktionschef und jetztige Innenminister Hermann).





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