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"Im Zentrum" mit LIF, Fritz, KPÖ, RettÖ und den Christen

In der letzten Stunde ist ungefähr das eingetreten, was ich angesichts der Kandidatenaufstellung schon fast befürchten musste. Der guten Heide Schmidt (LIF) und dem etwas freakigen, aber sonst durchaus aushaltbaren Mirko Messner (KPÖ) wurden Fritz Dinkhauser (ÖVP), Wilfried Auerbach (Rettet Österreich) und Alfons Adam (Die Christen) hinzugesetzt. Selten lief die Diskussion der Nationalratsanwärter normal, zumeist geriet sie ziemlich aus dem Ruder. Und empfohlen hat sich wohl nur das LIF.

Mir ist die Reihenfolge der Themen (es wurde ein zentraler Punkt aus jedem der verschiedenen Programme gewählt) mittlerweile wieder entglitten, ich habe gegen Ende auch kaum noch aktiv zugehört. Das hatte den Grund, dass sich RETTÖ-Vertreter Auerbach im letzten Drittel außerordentlich anstrengte “Im Zentrum” zu seiner persönlichen ORF- und EU-Bashing One-Man-Show zu machen. Selten hatte ich soviel Mitleid mit Ingrid Thurnherr.

Das LIF präzisierte endlich seinen Vorschlag der Grundsicherung (ausbezahlen für alle die sie brauchen, zurückversteuern für alle anderen, ersetzt Transferleistungen), Dinkhauser konnte dazu keine konkrete Aussage liefern, wie auch zu keinem anderen Thema. Wirtschafsthemen wurden von Alfons Adam gänzlich verweigert, so auch von RETTÖ, und die KPÖ Idee einer unbedingten Grundsicherung für alle nebst Transferleistungen würde vermutlich die Staatsverschuldung mit Lichtgeschwindigkeit auf die Jagd nach neuen Rekorden schicken.

Es folgte eine dem Christen-Programm entnommene Diskussion über Familienpolitik, in dem sich vor allem Schmidt und Messner klar gegen das mittelalterlich anmutende Frauenbild der Adam-Partei aussprachen. Dem wiederum explodierte fast der Kopf, als die Gegenvorschläge kamen und beanspruchte die Weisheit alleine für sich (“Sie haben die Ideologie, wir haben die Wahrheit.”). Ich hatte mich eigentlich auf eine Homo-Ehen-Debatte gefreut, angesichts des Radaus zu dieser Thematik wäre das der Moderation aber nicht mehr zumutbar gewesen.

Über die weitere Reihenfolge bin ich mir nicht mehr im Klaren, relativ schnell kam dann aber die EU- und Neutralitätsdebatte auf. Der schon vorher auffällig laut scharrende Auerbach legte dann richtig los. Oft kam kaum noch irgendwer zu Wort, weil der RETTÖ-Frontmann pausenlos dazwischenredete, respektive schrie. Zwischendrin ließ er auch Schmidt die Zornesröte ins Gesicht schießen, als er behauptete, das LIF hätte Wähler für Unterstützungserklärungen bezahlt. Eine Klagsdrohung steht weiterhin im Raum, mal sehen wie sich das entwickelt. Aufhorchen ließ er auch mit einer ominösen CD, auf der Maria Fekter (ÖVP) angeblich bereits die Finanzpolitik der zukünftigen Regierung plant. Die steht zwar alles andere als fest, und Fekter ist als Interims-Innenministerin auch nicht für die Geldfragen der Republik zuständig, aber mal sehen was mit der Silberscheibe weiter so passiert. Mit seiner Diskussionskultur ist Österreich jedenfalls nicht zu retten.

Kurz darauf wandte ich meine Aufmerksamkeit anderen Dingen zu, weil beinahe ausnahmslos nur noch gebrüllt wurde, Dinkhauser und Auerbach sich dann über irgendwelche in Vorgesprächen getätigte Aussagen auf persönlicher Ebene zankten und kaum noch irgendwas zu verstehen war. Thurnherrs Schuld war es nicht, drei der Gäste (siehe Markierung oben) waren einfach fürchterlich und werden dem Parlament hoffentlich erspart bleiben. Für die Senkung des Gesprächniveaus der Bundespolitik sorgen eh schon andere.

Fazit

Adams Positionen (sofern vorhanden) sind fern jeglicher Realität und einfach haarsträubend. Dinkhauser scheint nicht wirklich ein Programm zu haben. Beide sind gerne recht laut. Auerbach kämpft gerne gegen herbeifantasierte Feindbilder und a la HP Martin im ORF gegen den ORF. Und er hat mit Abstand die mieseste Diskussionskultur, auch im Vergleich zu den ersten beiden Erwähnten.

Mirko Messner hat teilweise brauchbare, teilweise sehr absurde Ideen, weiß aber in zivilisierter Form zu parlieren. Heide Schmidt konnte wenigstens am Anfang ein paar Punkte präsentieren und gemeinsam mit dem KPÖ-Häuptling dem Gesellschaftsbild der “Christen” energisch entgegentreten. So gesehen ist sie die “Gewinnerin” der heutigen Runde, bezogen auf die erste halbe Stunde. Denn danach war der Faden für die meisten Zuseher kaum zu halten, so sie nicht angewiedert vom stammtischähnlichen Gebrüll dreier Männer abdrehten.

Nochmals mein Beileid an Ingrid Thurnherr, dass sie diese Diskussion leiten “durfte”. Das war bestimmt nicht lustig.

PS: Ein Protokoll der Runde findet sich auf neuwal.com

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5 Kommentare

  • Am 22. September 2008 sagte Franz Joseph:

    “Selten hatte ich soviel Mitleid mit Ingrid Thurnherr.” … ging mir genauso. :)

    Gute – und sehr genaue (!) – Gesprächsverfolgung deinerseits. Hut ab. Ich bin immer wieder ausgestiegen, weil’s so schrecklich war.

    Meine Eindrücke zur Mini-Fanten-Runde gibt’s hier.

  • Am 22. September 2008 sagte Val:

    Genialer Artikel, stimme in fast allen Punkten überein – nur hat Auaberach, was ich heute im Zug so hörte, so manchen überzeugt. =/

  • Am 22. September 2008 sagte Claudia Steiner:

    Das der ORF oder die Frau Thurnherr unparteiisch ist glaubt sicher keiner!
    Messners Auftritt (KPÖ) fand ich am Besten!
    Gefolgt vom zugegeben undisziplinierten, aber von den Inhalten guten Auerbach (RettÖ).
    Frau Schmidt macht auch versprechen, die sie nicht halten wird.
    Dinkhauser hat kein Programm.

  • Am 22. September 2008 sagte Thomas:

    Für oder gegen wen haben Fr. Turnher und der ORF deiner Meinung nach Partei ergriffen? Obwohl ich es mir bei deiner, vorsichtig gesagt merkwürdigen Beurteilung der Sendung fast denken kann.

  • Am 23. September 2008 sagte i.m.neubauer:

    Herrn Auerbach ging ständig der Hut hoch, was man als mangelde Gesprächskultur werten könnte. Aber in der Sache soll ihm erst einer antworten können, bevor seine Argumente als Scheinfechtereien hingestellt werden. Zu widerlegen sind die Ansichten Auerbachs, die er durch namhafte Experten abstützen kann aber nur schwerlich. Soweit zu einer unqualfizierten flapsigen Abwertung seines Beitrags. (Bin kein Mitglied bei RETTÖ und auch kein Spender)

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