Ein Gastartikel zur Wirtschaftskrise. Aufgrund seiner beruflichen Stellung bevorzugt der Autor eine anonyme Veröffentlichung. Dem entspricht rigardi.org selbstverständlich.
Bevor ich von meinen Beobachtungen des aktuellen Börsengeschehens berichte, will ich zuerst einmal ein wenig über mich erzählen:
Ich lebe in Kanada und arbeite dort für einen großen internationalen Konzern im Bereich der technischen Planung von Großprojekten. Man könnte nun meinen, ich hätte in der technischen Administration von Projekten keine Berührpunkte mit dem Geschehen an den Börsen, doch das ändert sich zur Zeit drastisch. Die aktuelle Situation verlangt nach ständigen Krisengesprächen inklusive Telefon- und Videokonferenzen mit Teilnehmern aus der ganzen Welt. Auf meinem Schreibtisch stehen inzwischen vier Bildschirme und zwei davon haben gar nichts mit meinem eigentlichen Aufgabengebiet zu tun. Auf ihnen tickern nämlich aktuelle Kursdaten und Börsennachrichten von den größten Börsen der Welt, sekündlich aktualisiert, garniert mit Charts, für mich absolut unübersichtlich und chaotisch, aber angeblich scheint ein System dahinterzustecken. Kurz gesagt: Ich verstehe recht wenig von dem was mir dort präsentiert wird. Aber dennoch ist das, was mir von dort entgegenblinkt, sehr faszinierend und gleichzeitig unglaublich erschreckend.
So auch am Donnerstag, 9. Oktober 2008. Ich hatte gerade ein Kundengespräch am Telefon beendet und schaue kurz auf einen der beiden Börsenschirme. Plötzlich taucht eine neue Meldung auf: Standard & Poor’s, eine der großen drei Ratingagenturen, überlegt eine Herabstufung von General Motors. Diese Ratingagenturen prüfen die Bonität z.B. von Unternehmen auf Grundlage von Aktien und Anleihen. Dabei vergeben sie so etwas wie Schulnoten um eine schnellverständliche Einteilung möglich zu machen (näheres hier in der Wikipedia). Aus der Meldung war nicht ersichtlich welches Rating GM erhalten würde, noch dass eine Herabstufung unmittelbar bevorsteht, man „prüfe“ nur eine mögliche Herabstufung. Doch wie reagierten die Händler an der NYSE (Anm.: New York Stock Exchange/Wall Street)? So wie immer in solchen Fällen: panisch wie Lemminge. Ich hatte die Meldung noch nicht ganz fertiggelesen da wurde der prozentuale Verlust der GM-Aktien schon zweistellig. Kurz zuvor war er noch im eher niedrigen einstelligen Prozentbereich und nicht wirklich dramatisch verglichen mit anderen Werten. Nach wenigen Minuten war die Talfahrt dann beendet und der Kurs war um über 30% nach unten gebrochen. Und all das wegen einer kurzen, zweizeiligen Meldung.
Doch das ist kein Einzelfall und kommt auch in anderen Bereichen ständig vor. Sobald ein Hurrikan vor der amerikanischen Küste gemeldet wird steigt der Rohölpreis. Es könnte ja eine Ölplattform im Atlantik beschädigt werden und einige Tage nicht mehr fördern können. Dass dieser „Ausfall“ zu keinerlei Versorgungsengpässen führen würde wird dabei nicht beachtet. Die paar Fässer Öl, die dort täglich gefördert werden, fallen, bezogen auf den gesamten Weltmarkt, nur im Promillebereich auf. Umgekehrt passiert genau dasselbe, wenn man in Europa oder China etwas weniger tankt: Sofort fällt der Ölpreis, der durch die vielen Spekulationen im Grunde nur künstlich hochgehalten wird.
Wieso immer diese panischen Reaktionen auf solche Meldungen? Ist es nur die Gier oder „Geldgeilheit“, die dazu führt, dass die Händler an den Börsen schnell verkaufen, bevor alle anderen verkauft haben, um noch das größte Stück vom Kuchen abzubekommen? Oder wenn sie kaufen bevor die Werte so hoch sind, dass man nicht mehr die großen Renditen abgreifen kann? Es ist teilweise ein lemmingartiges Verhalten: Einer fängt an und alle rennen hinterher, keiner möchte der letzte sein, der am meisten verliert bzw. am wenigsten gewinnt. Wohin das führt sehen wir, wenn z.B. GM heute so viel wert ist wie 1950 (nämlich gerade mal $4Mrd.), oder im anderen Extrem, wenn Aktienkurse künstlich so hochgepusht werden, dass am Ende alles zusammenbricht, weil der wahre Wert viel niedriger ist, so geschehen beim Zusammenbruch des „Neuen Marktes“.
Und ich sehe mir das von außen an, höre mir das Jammern der Finanzvorstände meines Konzerns an und stehe dem Ganzen etwas ratlos gegenüber. Dabei wären diese großen Verluste eigentlich nicht nötig, wenn etwas mehr Ruhe und Gewissenhaftigkeit an den Finanzmärkten herrschen würde. Panikreaktionen helfen keinem und vor allem nicht den Unternehmen, egal ob es sich um massenhafte Verkäufe handelt oder um einen Run auf ihre Aktien bis es zu einer massiven Überbewertung des Unternehmens kommt und alles wieder zerbröckelt. Dadurch müssten die Händler aber auch auf die riesigen Renditen verzichten, die sie in den letzten Jahren oft einfuhren. Da sie das kaum freiwillig machen werden, und Menschen dazu neigen schlechte Erfahrungen schnell zu vergessen und die gleichen Fehler nochmal zu begehen, müssen hier die Regierungen einschreiten und viel mehr reglementieren. Es darf einfach nicht möglich sein, dass innerhalb von Sekunden wegen einer kleinen Meldung so viel Geld „verbrannt“ wird, dass dabei beinahe ein Weltunternehmen zugrunde geht und mit ihm 266.000 Mitarbeiter. Zudem kann es nicht angehen, dass mit Termingeschäften (Futures*) die Rohstoffpreise derart in die Höhe getrieben werden, dass der durchschnittliche Afrikaner und Asiate nicht mehr weiß, wie er Hirse oder Reis bezahlen soll. Dagegen ist der wöchentliche Schock an der Zapfsäule ein verschwindend geringes Problem.
Wie gesagt, ich bin auf diesem Gebiet nur Laie und muss mich gezwungenermaßen täglich über das aktuelle Geschehen informieren, weil dies von Leuten „in meiner Position“, also in Führungspositionen, einfach erwartet wird. Dieser Bericht stellt nur einen winzigen Abschnitt dessen dar was sich täglich an den Börsen dieser Welt abspielt und von dem ich so gut wie nichts verstehe. Vielleicht liege ich mit meinen Einschätzungen auch falsch, aber mein gesunder Menschenverstand sagt mir, dass dort irgendetwas verdammt falsch läuft, wenn aus jeder Mücke ein Elefant gemacht wird und dadurch viele Millionen Dollar vernichtet werden und mit ihnen oft noch eine Menge Arbeitsplätze. Wie man allerdings gegen all dies ansteuern kann weiß ich leider nicht, wenn aber nicht bald etwas geschieht und das Geschehen nicht viel schärfer überwacht wird, dann wird es auch in Zukunft immer wieder zum Kollaps ganzer Wirtschaftszweige kommen (siehe jetzige Bankenkrise), die dann durch Steuergeld aufgefangen werden müssen um das Allerschlimmste zu verhindern.
Irgendwann wird es vielleicht sogar zu wenig staatliche Mittel geben um die wichtigsten Stützen unserer Wirtschaft zu retten. Wohin das dann führen könnte möchte ich mir nicht ausmalen und hoffentlich nie erleben müssen.
Mit aufbauenden und hoffnungsvollen Grüßen aus Kanada,
M.
* Termingeschäft, man sichert einem Produzenten zu für eine Ware (z.B. Mais) einen bestimmten Preis zu zahlen zu einem bestimmten Termin. Das Problem ist: es werden mehr Futures gehandelt als es Waren gibt. (Eintrag “Futures” in der Wikipedia)
photo credit: modifiziertes Bild von freshwater2006 & nachbearbeiteter Screenshot des Dow Jones Kurses (13.10.2008) von finanzen.net






Es ist ein Spiel, ein sehr großes zwar, aber trotzdem nur ein Spiel. Richtige Mitspieler gibt es sehr wenige, die Akteure (Börsenhändler, Banker etc) sind eigentlich nur (nicht schuldlose) Marionetten. Wir alle, Milliarden von Menschen, liefern nur die Spielchips (durch Geld oder Arbeitskraft). Etwas an den Spielregeln zu ändern, ist uns (und auch den Marionetten) nicht gestattet. Das können nur die wirklichen Mitspieler. Sie bestimmen zB wer in Amerika Präsident wird und können Kriege initiieren etc – ganz nach belieben. Wie es aussieht, sind die Regierungen – auch in Europa – auch nur Marionetten (gewollt oder ungewollt) und in der derzeitigen Form und Konditionierung in dieser Sache nicht wirklich handlungsfähig.
Wie man da wirklich was ändern könnte, weiß ich auch nicht. Am Ehesten könnte es durch Verrückte (Venzuela, Iran ???) geschehen. Aber solche Aussichten sind wohl auch ziemlich trübe… ;)
@kritikus.at:
Ich denke nicht, dass die Regierungen nur Marionetten sind. Sie halten bzw. hielten sich einfach nur zu lange aus den Geschäften, die dort gemacht werden, heraus. Es müssen bestimmte Geschäfte einfach stark beschränkt werden. So sollte der Rohstoffmarkt wirklich nur Produzenten und “wahren” Abnehmern zugänglich sein, also Firmen, die die angebotene Ware wirklich benötigen um sie weiterzuverarbeiten oder an den Endverbraucher bringen. Die Spekulationen auf Rohstoffpreise finde ich persönlich einigermaßen pervers. Uns trifft das am härtesten beim Tanken womit wir noch ganz gut wegkommen. Viele Millionen bis Milliarden Menschen trifft das bei den Lebensmitteln, es geht also schon ums überleben wenn man sich nichtmal mehr eine sättigende Portion Reis, Mais, was weiß ich was, pro Tag leisten kann. Hier wird eine ethische Grenze überschritten, bei der es nicht mehr nur um Arbeitsplätze geht sondern um das Leben vieler Menschen.
Die Politik ist da nicht machtlos, sie müsste nur mehr kontrollieren und auch einschränken. Dann würden den großen Händlern schon ihre Machtmittel fehlen um noch viele weitere Krisen heraufzubeschwören. Dabei sind Länder wie der Iran oder Venezuela aber bestimmt keine Vorbilder. Es reicht schon den jährlichen Amnesty-Länderbericht zu lesen und ich enmfinde eine Rezession als die bessere Alternative.
Grüße aus Kanada,
M.
Das Problem ist: Es scheint für die Börsianer ein Spiel zu sein, denn sie zahlen die Aktien nicht mit echten harten Dollarnoten, sondern via Mausklick wie Spielgeld. Dass sie dabei echte Werte verschieben, merken sie nicht.
Das ist das Problem: Für die Börsianer ist es wie ein riesiges Computerspiel, denn keiner bucht echtes Geld aus seinem Depot ab, und dieses Computerspiel, mit Termingeschäften, Zertifikaten, Aktienhandel, steuert durch seine Auswirkungen auf die Finanzlage der Banken, der Unternehmen usw. am Ende die Weltwirtschaft.
@M
Theoretisch sind die Regierungen natürlich keine “Marionetten”. Sie sollten, müssten usw – können aus verschiedenen Gründen aber nicht. Sie sind auf zweierlei Art im System gefangen. Einerseits ist dieses so derart verwoben, dass die Auswirkungen von Eingriffen nicht so ohne weiteres vorauskalkuliert werden können (zumal alle Staaten einer Meinung sein müssten – in Wahrheit aber besteht nicht einmal innerhalb der einzelnen Staaten selber Eintracht) und andererseits sind Spitzenpolitiker alle mehr oder weniger mit der Wirtschaft im Bunde (es bestehen Absprachen, Unterstützungen, Freundschaften etc – ob legal oder illegal sei jetzt dahingestellt). Ich weiß, das klingt ziemlich pessimistisch, aber wer sollte wirklich etwas machen? Die einzelnen Staaten, die in der globalen Welt in Konkurrenz zueinander stehen? Die von Lobbyismus zerfressene EU? Die USA, wo der das Sagen hat (Präsident wird ;) ), der die größte Finanzkraft hinter sich hat?
Venezuela und den Iran habe ich nur als Beispiel genannt, um zu verdeutlichen, dass sich die rücksichtslosen Abzocker (nochmal, damit meine ich nicht die auch nicht unschuldigen Börsenhändler und Banker, sondern die paar Leute, die über dem Ganzen stehen) nicht so leicht “aus dem Paradies” vertreiben lassen werden. Mit dem Rechtsstaat wird man denen sicher nicht beikommen können. Und genau da liegt imho das gefährliche Problem. Kommt nämlich dann der große Crash und geht es den Leuten dreckig, dann rufen sie nach “starken Männern”, die “mit dem Eisenbesen auskehren”. Was das dann für welche sein werden, überlasse ich der Fantasie…
Wollte noch was wegen dem S&P-Rating anmerken: das ist keinesfalls eine Nebensächlichkeit. GM hat gigantische wirtschaftliche Probleme, das Rating beeinflusst aber die Zinssätze. Wenn also S&P den Ratingsatz senkt, dann muss GM mehr Zinsen zahlen. Und bei den Schulden, die GM angehäuft hat, macht das einiges aus.
Zu den Spekulationen mit Nahrungsmitteln muss man sagen, dass wenn der Preis durch die Investoren unrealistisch in die Höhe getrieben wird, irgendwann auch der gegenteilige Effekt auftreten muss. Da Nahrungsmittel früher oder später verderben, muss der Investor sie auch wieder verkaufen und kann nicht beliebig lange auf einen für ihn günstigen Marktwert warten.
Interessant ist weiters, dass einige der aktuellen Krisen durch gute Absichten ausgelöst wurden. Z.B. die Kreditkrise dadurch, dass man in den USA die Diskriminierung bei der Kreditvergabe beenden wollte, die Teurerung der Lebensmittel dadurch, dass man die CO2-Ausstoß verringen wollte und einer der Gründe für die hohen Ölpreise ist, dass in den USA aus Umweltschutzgründen nicht mehr nach Öl gebohrt wird und aufgrund von Sicherheitsbedenken nicht mehr in die Atomenergie investiert wird.