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Özdemirs historische Wahl

Bewerbungsrede Cem
Mit der Verwendung des Begriffes „historisch“, sollte man tunlichst Vorsicht walten lassen. Doch was sich am Samstag auf dem Parteitag der Grünen im thüringischen Erfurt abgespielt hat, darf man durchaus mit eben jenem Etikett der Historie belegen.

Cem Özdemir, vor 42 Jahren in Reutlingen (Baden-Württemberg) als Sohn türkischer Gastarbeiter geboren, ist nunmehr Vorsitzender der Partei Bündnis 90/Die Grünen. Während die Amerikaner das (berechtigte) Loblied auf ihre Toleranz singen (Wahl Obamas), spricht über Özdemirs Inauguration in Deutschland kaum einer. Ein, zwei Artikelchen im liberalen Gazettenwald, mehr auch nicht. Umso überraschender, dass ausgerechnet die International Herald Tribune dem klugen Medienkopf Özdemir, der den sechs Jahre an der Spitze waltenden Reinhard Bütikofer im Amt ablöst, viele, viele Zeilen mehr widmete.

Wenn die Wahl Barack Obamas zum 44. US-Präsidenten eine Versöhnung zwischen den „Rassen“ (Schwarz/Weiß) darstellt, so ist die Wahl Özdemirs, einem rhetorisch begabten Aufklärer, der auch vor kritischen Worten gegenüber seiner Zweitheimat, der Türkei nicht zurückschreckt, auch als eine solche zwischen den Deutschen und den 2 ½ Millionen in ihrem Land lebenden Türken zu verstehen.

Es gibt viel zu tun für die Deutschen, viele Probleme Migrationsprobleme zu bewältigen. Das verlangt übrigens auch ein Entgegenkommen der anderen, der türkischen Seite, die Integration natürlich nicht nur (ein)fordern darf, sondern auch die Pflicht zum Engagement, zur Partizipation hat, also auch aktiv etwas für diese Integration tun muss.

Dass derlei immer mehr zum Konsens wird, dass die erfolgreiche Integration nur gedeihen kann, wenn beide Seiten sich bewegen, dies zeigt die Wahl Özdemirs. Sie ist wahrlich historisch.

Creative Commons License photo credit: kleine gelbe Ente

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8 Kommentare

  • Am 18. November 2008 sagte @rigardi:

    Über die historische Wahl Özdemirs bei den deutschen Grünen… http://is.gd/81Ie

  • Am 18. November 2008 sagte hc voigt:

    kein wort der kritik zur person und özdemirs bisheriger geschichte?
    gut, das ist nicht dein thema, aber das wäre doch angebracht in dem fall.

  • Am 19. November 2008 sagte michaelthurm:

    Auch ich finde, dass mehr Kritik an Özdemir angebracht wurde.
    Für historisch halte ich seine Wahl erst recht nicht. Wenn eine Figur wie er nur aufgrund seiner Geburt und Herkunft zum Ereignis wird, ist das verherend für die Inhalte.
    Und Özdemir zeichnet sich bis jetzt weder durch ein besonders revulutioäres Politikverständnis aus (wie Obama), noch durch klare inhaltliche Positionen.
    Viel spannender finde ich da Arvid Bell http://www.youtube.com/watch?v=l609HbxbR6c&feature=channel – (Parteiratsmitglied). Hoffe nur, dass seine Vorstellungen nicht vor der Umsetzung zerjubelt werden

  • Am 21. November 2008 sagte Gordi:

    Ich nehme gerne Kritik auf mich, aber in diesem Fall ging es nicht um seine alten Geschichten (Bonusmeilen etc.), sondern um das Faktum seiner Inauguration.

    Ich bin kein Freund seines Auftretens, seiner bisweilen arg zur Schau gestellten Arroganz, aber das ändert ja nichts an der Tatsache, dass er für das Amt nominiert wurde. Dies ist als historisch zu bezeichnen. Um nichts anderes ging es (siehe die Überschrift).

  • Am 21. November 2008 sagte Gordi:

    @ Michael

    Nanu, da scheinst du aber die Medienlandschaft in den letzten 1 1/2 Jahren in Bezug auf die Person Obama gemieden zu haben. Seine Nomination & Wahl war ja alleine deshalb historisch (ob sie dies nun tatsächlich ist oder war, sei dahingestellt) weil er einen “Rassenkonflikt” (ich hasse dieses Wort), der die Benachteiligung von Menschen mit einer bestimmten Hautfarbe über Jahre hinweg bedeutete, besiegen konnte. Auch hierfür steht der Change, auch darauf zielte seine Rhetorik ab (Stichwort Mediator).

    Merkwürdig, dass daran keiner Anstoss nahm, merkwürdig, dass keiner dabei beachtet hat, dass seine Politik fast identisch mit der von H. Clinton war.

    Aber hier kritiklos zu applaudieren und dort Kritik anzumahnen, empfinde ich als, gelinde gesagt, heuchlerisch.

  • Am 21. November 2008 sagte SaschaP:

    Also was ist denn bitteschön an der Wahl von Cem Özdemir “historisch”? Historisch sind Ereignisse wie der Mauerfall (von dem du auch noch frech das Zitat von HaJo Friedrichs von den Tagesthemen vom 9.11.1989 geklaut hast), nicht die Wahl von Özdemir als 2. Parteichef der Grünen.

    Wenn er der Parteichef der CDU geworden wäre, wäre es historisch gewesen. Bei den Grünen kann man sich eher fragen: Wieso brauchte es 25 Jahre, bis ein Deutsch-Türke soweit aufsteigen konnte! Das erklärt auch, wieso es in Deutschland nur zur Kenntnis genommen wurde, aber kaum mehr. Und Vergleiche mit Obama passen auch wenig, denn anders als die Schwarzen, die jahrhundertelang unterdrückt und versklavt wurden, nachdem man sie aus Afrika “entführt” hatte, und die sich seit den 60ern überhaupt erstmal die den restlichen Amerikanern längst zugestandenen Grundrechte erkämpfen mussten, stellen die Türken und anderen Ausländer in Deutschland zwar eine Minderheit dar, wurden aber weder versklavt (sie kamen durch Gastarbeiterverträge zu uns) noch Opfer von bis hin zum Mord an ihren führenden Köpfen endender Verfolgung.

    Nebenbei: Er ist in Bad Urach geboren. Das liegt zwar im Landkreis Reutlingen, aber es gibt mehr als die Stadt Reutlingen ;)

    Und wie die Vorredner schon sagen: Kein Wort von Hunziger-Affäre und ähnlichem. Man muss einen Politiker nicht lobhudeln!

  • Am 22. November 2008 sagte Gordi:

    Sascha, ich schätze dich als aufmerksamen Leser, aber hier irrst du. Die Wahl ist und bleibt historisch.
    Nebenbei erwähnt: Es ging nicht um die Hunziger-Affäre. Dazumal hat er dafür glaube ich genug Buße getan.

    Deine Argumentation ist zum Teil darüber hinaus befremdlich: Wäre es nur historisch, wenn “Mord an ihren führenden Köpfen” begangen worden wäre…
    Wir sollten die Kirche mal im Dorf lassen.

    Es geht nicht um die PErson Özdemir, er kann aus Reutlingen oder Bad Urach kommen oder aber aus Bonn. Es geht um seinen, wie nannte Claudia Roth in ihrer Parteitagsrede, MIgrationshintergrund. DAs ist als historisch zu betrachten. Historisch impliziert keine direkte Wertung (wie mein GEschichtslehrer immer so schön sagte)

    Übrigens, kann man das sehr wohl vergleichen. Siehe: International Herald Tribune, El Pais usw…

    Man sollte sich nicht nur auf deutsche Medien und deutsche Themen (Mauerfall… oh je) beschränken.

    gruß
    gordi

  • Am 23. November 2008 sagte SaschaP:

    @Gordi: Dass die Wahl eine Neuheit darstellt, ebenso wie es die Wahl von Angela Merkel zur Kanzlerin (und das auch noch als CDU-Kandidatin) war, will ich nicht abstreiten.

    Nur der Begriff “historisch” ist halt sehr stark, und in meinen Augen zu stark. Wie gesagt, die Worte von HaJo Friedrichs (“mit dem Wort historisch sollte man vorsichtig umgehen, es nutzt sich schnell ab”) finde ich sind sehr passend gewählt gewesen 1989.

    Und naja, sagen wir mal so, es ist schon interessant: In Amerika wurde relativ nüchtern über Obamas Siegeszug geschrieben, der Rest der Welt überschlug sich in Lobheißungen. Ich glaube, dass liegt zum einen etwas an der Unbefangenheit, wenn du nicht persönlich betroffen bist, zum anderen aber auch daran, dass du etwas groß schreiben musst, wenn es nicht direkt deine Leser betrifft, damit sie es lesen.

    Dass, wie geschrieben, ein Politiker mit Migrationshintergrund jetzt neben einer Frau eine Partei anführt, mag schon bedeutsam sein. Doch wie gesagt, waren die Grünen dieser Entwicklung eigentlich schon lange verdächtig und man kann sich schon fragen: Wieso erst jetzt. Und da wiederum ist wichtig, zu sehen:

    a. Die Hunziger-Affäre hat ihn nunmal einige Zeit zurückgeworfen, dass kann keiner bezweifeln, egal ob er gebüßt hat oder nicht, es ist ein Teil seines Karrierewegs (Die Karriere von Merkel, Schröder und Kohl war auch nicht ohne Rückschläge und Fehlentscheidungen)

    b. Dadurch (und wahrscheinlich bei einigen wenigen insgeheim auch weil er Deutsch-Türke ist) gibt es einiges Bedenken bei seiner Person.

    Cem Özdemir ist ein guter Vertreter der Grünen Partei und der BRD im Europaparlament, er ist ein guter Politiker, gekonnter Redner und noch recht aufm Boden geblieben. Gerade deswegen finde ich sollte man seine Position nicht auf seinen Migrationshintergrund reduzieren und die Grüne Partei hat ihn auch nicht gewählt, weil er Deutsch-Türke ist, sondern weil er was kann. Die Begrüdung “wir wählen ihn, denn er hat einen Migrationshintergrund” wäre auch kein Niveau der Grünen, sondern eher der populistischen Linken.

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