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Schlussbemerkungen zum US-Wahlkampf #2

Allen Politikinteressierten steht eine lange Nacht bevor, Amerika wählt. Es wird bei uns ca. 2 Uhr nachts sein, wenn die ersten Ergebnisse in Übersee bekannt werden, und der ORF, CNN und wohl viele hundert – wenn nicht gar tausend – Fernsehstationen der Welt diese Zahlen in der Welt verbreiten. Diese paar ersten Prozente und absoluten Nummern, die vorerst nur ein kleiner Schnipsel auf dem Weg zur Antwort ist, wer denn die Nachfolge von George W. Bush jr. Antritt. Es sind der Demokrat Barack Obama und John McCain von der republikanischen Partei, die verfolgt von Kameras nicht erst seit heute um das Amt rittern. Wer aber denkt, es gäbe nur diese zwei Kandidaten, der irrt gewaltig.

Parteienvielfalt gibt es auch in den Vereinigten Staaten. Das Mehrheitswahlrecht nebst der Auszählung über Wahlmänner hat jedoch dazu geführt, dass sich die von Anfang an bedeutensten Parteien seit je her einen Zweikampf in nationalen Urnengängen liefern. Eigentlich stehen am Stimmzettel heute auch noch folgende Kandidaten:

BOSTON TEA PARTY / PERSONAL CHOICE PARTY:
Charles Jay (Florida), Tom Knapp (Missouri)

CONSTITUTION PARTY:
Charles O. “Chuck” Baldwin (Florida), Darrell L. Castle (Tennessee)

GREEN PARTY:
Cynthia McKinney (California), Rosa Clemente (New York)

AMERICA’S INDEPENDENT PARTY / AMERICAN INDEPENDENT PARTY:
Alan L. Keyes (Maryland), Wiley Drake (California)

INDEPENDENT-ECOLOGY PARTY / PEACE & FREEDOM PARTY / NATURAL LAW PARTY:
Ralph Nader (Connecticut), Matt Gonzalez (California)

LIBERTARIAN PARTY:
Robert L. “Bob” Barr (Georgia), Wayne Allyn Root (Nevada)

PARTY OF SOCIALISM AND LIBERATION:
Gloria E. LaRiva (California), Eugene Puryear (District of Columbia)

PROHIBITION PARTY:
Gene Amondson (Washington), Leroy Pletten (Michigan)

REFORM PARTY:
Ted Weill (Mississippi), Frank McEnulty (California)

SOCIALIST PARTY USA:
Brian P. Moore (Florida), Stewart Alexander (California)

SOCIALIST WORKERS PARTY:
Róger Calero (New York), Alyson Kennedy (New Jersey)

Der “offizielle” US-Abklatsch der einstigen NSDAP, das NSM (National Socialist Movement) findet sich übrigens nicht am “Ballot”, veranstaltet aber weiterhin bizarre Aufmärsche, hauptsächlich im Süden.

All zuviele bekannte Namen finden sich da nicht unter den Alternativkandidaten. Dem einen oder anderen mag vielleicht der quasi seit 2000 stets mitpartizipieremde Ralph Nader ins Auge fallen, der anno 2000 für die US-Grünen und in den Folgewahlen auf eigenem Ticket antrat. Gerüchteweise soll sein Antreten damals Al Gore (DEM) um den Sieg gegen Bush gebracht haben. Heuer wirft er sich wieder für Grünalternative in die Schlacht. Auch bei den 2 Jahren nach den Präsidentschaftswahlen stattfindenden Midterm-Elections zum Senat sieht es schlecht für die Kleinen aus.

Das wir sie nicht wahrnehmen, und auch die US-Medien sie weitestgehend ignorieren, hat also schlicht und einfach den Grund, dass sie kaum Einfluß haben, weil selbst mit ein paar Prozentpunkten keine Chance auf “echte” Mitbestimmung besteht. Ihre Existenz dürfte aber einen gewissen Anreiz für die beiden Schwergewichte darstellen, sich Teile ihrer Inhalte anzueignen, und sich thematisch zu verbreitern.

Was Obama und McCain angeht: Real Clear Politics entnehme ich, dass Obama in vielen Battleground-States (fast immer umstrittene Bundesstaaten ohne klaren Favoriten, auch oft “Swing States” genannt) klar vorne liegt, und viele in denen McCain führt dagegen nur als “Toss-Up” (Patt) oder “Leaning” (leichte Präferenz zu einem Kandidaten) gelten. Obama stützt sich auf Mehrheiten in urban geprägten Gebieten, vorwiegend im Westen, Osten und Nordosten, McCain vereinnahmt die dünner besiedelte, agrarisch-rural geprägte Mitte sowie den traditionell republikanischen Süden rund um Texas.

270 Wahlmänner werden für den Sieg gebraucht, 228 davon werden Obama fix zugerechnet, dazu tendentiell weitere 50 aus den “Leaning States”. 128 gelten als umstritten. Düster wird es bei der Prognose für den Republikaner McCain: 118 Wahlmänner gelten als “fix” für ihn, bloß 14 als wahrscheinlich. Trotz des überwältigenden Vorsprungs des Demokraten kann es aber noch sehr spannend werden. Die “Electors” (meist altgediente Politiker der beiden großen Parteien) sind übrigens nicht gesetzlich an die Wahl des Volkes gebunden, sie können auch gegen eine Mehrheit einen anderen Präsidenten wählen. Es verpflichtet sie nur die Tradition, der nach der stimmenstärkste Kandidat des Bundesstaates alle seine Wahlmänner kassiert (Ausnahmen: Maine und Nebraska). Ausreißer gab es schon hie und da, wahlentscheidend waren sie bis dato noch nie.

Die Umfragen gelten heuer als sehr ungenau, weil mit Barack Obama erstmals ein Afroamerikaner um das höchste Amt kämpft. Befürchtet wird der “Bradley-Effekt“, demnach viele Wähler in ihre endgültige Auswahl rassistische Ressentiments einfließen lassen, dies aber in den Umfragen nicht sagen. Die klare Führung wie auch die heutigen Umstände (Die Theorie des Effektes stützt sich auf Ereignisse aus 1982 bzw. 1989) lassen trotzdem einen Sieg des Demokraten erwarten, wenngleich er vielleicht nicht so eindrucksvoll ausfallen wird (Kollege Ezazi berichtete).

Wie bereits erwähnt gibt es hier um 2 Uhr früh Ortstzeit wohl die ersten Ergebnisse aus dem Osten der Vereinigten Staaten. Etwa vier Stunden danach sollte klar sein, wer nächstes Jahr anstatt Bush jr. im Weißen Haus die Geschicke des wohl mächtigsten Staates in der Hand hat. Steht am Ende ein knappes Resultat, so könnte die Wahl ein Nachspiel haben wie bei Bush-Kerry vor vier Jahren, als das Supreme Court nach einigen Neuauszählungen den Republikaner zum Sieger ernannte.

Und ja, das “Gerücht”, wonach theoretisch ein stimmenschwächerer Kandidat aufgrund des Wahlsystems Präsident werden könnte, ist wahr. 2000 ist das passiert, denn Bush gewann in vielen wichtigen Staaten nur knapp, steckte in anderen wiederum haushohe Niederlagen ein, für den Electoral Count von 270 plus war es aber genug. Dabei von einem Ausnahmefall zu sprechen ist allerdings nicht richtig, denn – so entnahm ich den Oberösterreichischen Nachrichten vor einigen Tagen – ganze siebzehn Mal soll es schon passiert sein. Da so etwas wie Wählerverzeichnisse in den Staaten nicht existieren, sieht es für eine grundlegende Wahlrechtsänderung schlecht aus.

Die heutige Abstimmung über den 44. US-Frontmanns hat summa summarum so einige Facetten zu bieten, und könnte tatsächlich zu einer Nervenschlacht werden. Wer morgen also nicht früh raus muß oder einfach tolle Kondition hat, dem empfehle ich eine Wahlparty aufzusuchen, oder es sich mit genug Vorräten vor dem TV-Gerät gemütlich zu machen. Möge der Barack… äh, der Bessere gewinnen ;)

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