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Sprechen wir über US-Medien

Discarded

Ich habe mich an dieser Stelle vor fast genau 8 Monaten darüber beschwert, welcher Nonsense es zunehmend in eigentlich seriöse Sendungen wie etwa die ZiB schafft. Beispielgebend war damals die Dekolleté-Berichterstattung über Angela Merkel. Im Laufe der Berichterstattung über die US-Wahlen und Primaries die englischen und amerikanischen Medien zu schätzen gelernt. Informationen werden dort oft visuell großartig aufbereitet, so dass ein paar hübsch animierte Grafiken die dazugehörige Erklärung fast überflüssig machen. Das ist bei politischen Prozessen eine Kunst für sich, und seit Monaten wünsche ich mir, auch mal mit so einer fetten Touchwall spielen zu dürfen, wie der im CNN Politikstudio. Oh ja, technisch  sind sie uns um einiges voraus.

Aber sonst? Ist die US-Politikberichterstattung “besser” als bei uns? Besser im Sinne von fokussierter, das Wichtige beleuchtend? Bis vor Kurzem hätte ich das ohne zu zögernd bejaht. Mittlerweile müsste ich zumindest eine Weile überlegen, um zu diesem Urteil zu gelangen.

Clinton und Palin unfair behandelt

Sehr groß wurde die Diskussion um die Medienpraxis in den Staaten nicht. Zwischendurch tauchte die Frage auf, warum die Medien so viel über Obama, und relativ wenig über John McCain berichteten. Da ist die Antwort simpel: Obama war neu, schlug als Aussenseiter überraschend die favorisierte Hillary Clinton, ist nach wie vor rhetorisch brilliant, nutzte das Web 2.0 exzellent und nahm den in den Primaries gewonnen schwung gut mit. Zudem dürfte er, bzw. sein Wahlkampfmanager David Plouffe, auch noch kompetenter in der Erheischung medialer Aufmerksamkeit sein. Darin lag für Obama Chance wie Risiko, doch auch als man sich nach all dem Change-Hype den Inhalten zuwandte, versagte er nicht.

Anders sieht das bei Hillary Clinton, und speziell bei Sarah Palin aus. Eine Umfrage der Polling Company ergibt, dass Frauen mehrheitlich der Ansicht sind, dass Palin und Clinton von den Medien ungerecht behandelt wurden. “Warum?” mag man denken, “die waren doch eh verdammt oft in den Nachrichten.”

Diese Einschätzung ist keine quantitative, die Befragten sehen eher Mängel dieser Sorte:

•    When asked to compare Clinton and Palin to the other candidates running for office, 64% of women thought the coverage of Palin was more negative than that of other candidates running for office.
•    Thirty-one percent of women said that Hillary Clinton’s coverage was relatively more negative, more than double the 14% who said the coverage was more positive.   
•    Seventy-nine percent of women said that there was too much coverage of Sarah Palin’s clothing and 44% said there was an over-abundance of coverage of Hillary Clinton’s wardrobe.
•    On the issues, one-half of women said there was too little reporting on Sarah Palin’s policy positions, 28%  said the amount was just right, and 16% said there was too much.  The plurality (49%) of women thought the coverage of Clinton’s views was adequate and sufficient, 28% said there was a deficiency, and 16% said there was an abundance.

Neben der generell negativeren Einschätzung der Coverage von Palin und Clinton gegenüber Obama und Clinton finden 97% der Frauen, dass zuviel über die Garderobe von Palin berichtet wurde. Die Hälfte fühlte sich auch zuwenig informiert über ihre politischen Positionen, Clinton schneidet da deutlich besser ab. Können wir das soweit nachvollziehen? Ich denke schon.

Palin, der US-Gusi?

Ich habe mir wirklich einen abgelacht, als Saturday Night Live diese grandiose Parodie des Interviews brachte, in dem Palin behauptete, von Alaska aus Russland sehen zu können. Das war irgendwie das einzige, was von dem Talk zwischen ihr und der notorisch an schlechten Quoten leidenden Katie Couric im Medienäther wirklich nachhallte. Es reichte aus um ein Kamerateam – ich glaube von CNN – zu motivieren, ein alaskianisches, der Küste weit abgewandtes, Eiland aufzusuchen, von dem man aus tatsächlich russisches Festland erblicken konnte. Nur um festzustellen, was vorhin ohnehin schon jeder wusste. Dort lebt niemand, dort war noch nie ein Gouverneur, und folglich hat Palin von “ihrem” Bundesstaat aus noch nie Alaska erblickt.

Wie in der Folge weiters medial mit ihr umgesprungen wurde, erinnert mich ein bisschen an unseren grundympathischen, aber schwachen Ex-Kanzler Gusi. Einmal als Umfaller gebrandtmarkt, konnte er gar nicht als von einem Fettnäpfchen ins nächste zu hüpfen. Vom “Barolo” (einem insgesamt harmlosen Versprecher) bis zum Witz über die Arbeitszeiten der Parlamentarier (der für einen Bundeskanzler zwar unpassend wirkte, aber an heimischen Stammtischen zum guten Ton gehört) fiel ihm automatisch alles auf den Kopf. Die Medien hatten sich eingeschossen, Positives ging fortan unter, Kanzlerbashing war in, und auch ich hab mich neben berechtigter Kritik manchmal dazu hinreissen lassen.

Einen ähnlichen Teufelskreis beschritt Sarah Palin. Von der Vizekandidatin, die den Republikanern kurzfristig ermöglichte, sich in den Sommerumfragen vor Obama zu legen, blieb bald kaum mehr als ein nationaler Dorftrottel übrig. Wenn sie sich nicht gerade dem einzigen TV-Duell mit Biden stellte (das passend mit Palin Bingo begleitet werden konnte), waren beinahe ausschließlich ihre Ausgaben für Abendgarderobe oder ihre zugegebenermaßen kruden, religiösen Ansichten das Thema.

What did she do in Alaska? Alaska and the challenges they face must be interesting. NO lets not talk about and have a million articles if she spoke in tongues. Isn’t this strange since social conservative issues have not been a huge focus of her agenda in Alaska nor was it exactly something she was booming on the stump in 08.

Das schreibt der Autor von Opiniated Catholic, dessen sonstigen Ansichten ich kaum etwas abgewinnen kann. Doch damit hat er Recht. Ich stimme ihm auch beim Huckabee-Beispiel im selben Text zu, denn von ihm weiß ich nur, dass er sicherheitspolitisch auf Bush-Kurs segelte. Und das auch nur, wegen der Kurzrecherche zu diesem Artikel.

Medienschelte

Weiß jemand nach dem Medienmarathon zur US-Wahl nun ohne nachzugooglen, was Sarah Palin etwa in Alaska geleistet hat, aus welchem Grund sie dort Gouverneurin werden konnte? Ich nicht.

Nein, das hier ist kein Lobgesang auf Palin, sondern eher Medienschelte. Nein, das ist kein Aufruf offensichtliche Patzer von Politikern künftig zu unterschlagen. Und nein, ich glaube nicht, dass eine grundlegend andere Berichterstattung den letztlichen (Vor-)Wahlausgang beeinflusst hätte, denn dafür hatte Obama von Beginn an zu viel Drive.

Es zeigt allerdings, dass man durchaus kritischer mit Medien umgehen sollte, auch wenn sie uns heute die Technik demonstrieren, die man hierzulande übermorgen einsetzen wird. Die NY Times schlägt unsere Zeitungen auch so deutlich in Qualitätsfragen, und CNN läuft n-tv und Co. davon. Und trotzdem haben sie es alle geschafft, oft und lange über Sachen zu berichten, die in Wahrheit nicht mehr als eine Kurzmeldung wert sein dürften, denn um die Weiterverwertung kümmert sich bereits die Comedybranche.

Angela, du bist nicht allein.

PS: Trotz des eher negativen Eindrucks der medialen Begleitung von Clinton und Palin brachte die Umfrage auch ein Ergebnis, das für die Perspektive von Frauen in der Politik nicht ganz unwesentlich ist:

Despite Observing Unequal and Unfair Treatment of Women Candidates, Women Say Palin and Clinton’s Runs Were a Dramatic Step Forward Toward Electing a Female President.

Die Zeichen stehen auch hier auf Change. Ausnahmsweise steckt diesmal nicht Obama dahinter. ;)

Creative Commons License photo credit: Adam (adamjinj)

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