Gestern abend wurde auf ORF 2 “Im Zentrum” über das Miteinander von Islam und Christentum und über Integration und Kultur parliert. Obwohl ich das Ganze nur am Rande mitverfolgt habe, will ich hier zwei Aussagen von Anas Schakfeh (unter anderem Präsident der islamischen Gemeinschaft in Österreich – IGGiÖ) herausgreifen.
Prinzipiell sagte er viel Gutes über Religionsfreiheit, Frauenrechte und den interreligiösen Dialog. Dann kam die Frage nach interreligiöser Heirat, und die Feststellung, dass islamische Frauen keine nicht-islamischen bzw. christlichen Männer heiraten sollen. Das Argument basierte auf einem patriarchischen Familienbild, in der der Mann stets das Familienoberhaupt darstellt, und welches sowohl in christlichen wie auch islamischen Familien vorherrschend sein soll. Der Erörterung einer Antwort auf die Aktualität einer solchen Regelung stellte er sich jedoch nicht, und erklärte es zu einer theologischen Frage. Das ist falsch, er widerspricht sich dabei selbst.
Schakfeh mag mit seiner Behauptung über Familienhierarchie in vielen Fällen bei beiden Religionen Recht haben. Diese beruht – auch weil er gleichzeitig sagt, dass der Islam keine frauenunterdrückenden Regelungen vorschreibt – jedoch nicht auf irgendeiner religiös vorgegebenen Ordnung und somit obliegt es auch nicht Theologen, über die zeitgemäße Ausrichtung zu befinden.
Weiters impliziert er damit, dass die religiöse Ausrichtung einer Familie nur vom Mann abhängig sei, und somit der Glaube der Frau nicht geachtet würde. Für jemanden der seinerseits ständig betont, wie wichtig ihm Glaubensfreiheit ist, müsste es eigentlich tabu sein, für derartige Ehen einen Austritt der Frau aus ihrer Glaubensgemeinschaft vorauszusetzen. Denn auch der löst das unterstellte Problem überhaupt nicht, sondern erweitert den Status Quo nur um eine hirnrissige Vorschrift.
Zurück zu den Frauenrechten: Die “schwache” Stellung des weiblichen Geschlechts, auch in europäischen Breiten beobachtbar (wenn auch nicht im Ausmaß wie etwa im arabischen Raum) ist laut Schakfeh also kein Religionsproblem, sondern kulturell gewachsen. Wie er sagte: “Folklore”, gegen die man bei der islamischen Glaubensgemeinschaft ankämpfe. Das ist prinzipiell löblich, scheint aber nicht sonderlich öffentlich zu geschehen, obwohl genau das für die Bewusstseinsbildung der Betroffenen und das Bild des Islams und seiner hiesigen Vertreter in der Öffentlichkeit förderlich wäre.
Ich kenne mittlerweile mehrere durchaus prekäre Fallschilderungen über den Umgang mancher moslemischer Männer mit “ihren” (und in dem Fall ist das besitzanzeigende Fürwort fast wörtlich zu nehmen) Frauen. Nun verlange ich von der IG nicht, dass sie extreme Fälle wie diese zu lösen vermögen, aber an der wahrnehmbaren Öffentlichkeitsarbeit hapert es ganz gewaltig. Und das ist mit ein Grund, warum das publik werden solcher Einzelfälle dem Ansehen des Islams wie auch dem Dialog allgemein gleich doppelt schadet und Strache & Co. noch mehr in die Hände spielt. Dabei sind wir an dieser Stelle noch gar nicht richtig beim Thema “Integration” – die IG steht wirklich in der Pflicht, ihre Grundpositionen weitläufig und ständig wahrnehmbar zu machen.
Schakfeh scheint mir für ein solches Vorhaben zu borniert zu sein. Er tritt bei der nächsten IGGiÖ-Wahl nicht mehr an, vielleicht macht es sein Nachfolger besser.






schakfeh hat kürzlich ein ganz grauenvolles interview im standard gegeben. zu deinen ausführungen werde ich sobald mein blog wieder läuft einige dinge schreiben
Dass eine Muslimin keinen Ungläubigen heiraten darf, ist Teil der Scharia, worüber sich alle nennenswerten islamischen Strömungen einig sind. Verwundert war ich, dass der Felix Mitterer erstaunt war, als Schakfeh das erklärte. Offenbar hat sich Mitterer keine fünf Minuten kritisch mit den Rechten der Frau im Islam auseinandergesetzt, bevor er vom irischen Steuerparadies aus eine Tatort-Folge zur Volksbelehrung verfasste. Google und Internet gibt es wohl nicht in Irland.
Schüller faselte sofort beschwichtigend drüber, indem darauf hinwies, wie problematisch Ehen zwischen Katholiken und Protestanten noch 1980 waren. Nur war das, im Gegensatz zum Islam, nicht theologisch verboten, und der Grund, dass sich das geändert hat, dürfte wohl eher sein, dass die Christen ihr Bekenntnis sowieso nicht mehr für wichtig halten und ihnen somit egal ist, ob die eigenen Enkerl katholisch oder evangelisch erzogen werden.
Das Beispiel zeigt also eigentlich, dass Religiosität und somit die Religion trennt und Areligiosität verbindet.
http://www.kuran.gen.tr/?x=s_main&y=s_middle&kid=7&sid=2
http://www.kuran.gen.tr/?x=s_main&y=s_middle&kid=7&sid=60
Schüller nannte auch die Goldene Regel. Die wird er im Koran nicht finden. Und wenn schon. Sie steht im Alten Testament, wo auch Steinigung und Sklaverei gerechtfertigt wird und im Neuen Testament, in dem Jesus Dämonen austreibt, also Exorzismus vorlebt, die Scheidung verbietet und mit der Hölle droht, die Juden verflucht und die Gläubigen aufruft, ihre Familien zu verlassen, um sich seiner Weltuntergrangssekte anzuschließen.
Man kann eine Religion eben nicht widerspruchsfrei auf die Goldene Regel reduzieren. Das ist Wunschdenken. Speziell Thurnherr und die säkulare Türkischstämmige scheinen aber im Wesentlichen naiverweise zu glauben: Christentum = Goldene Regel + Weihnachtsmann + Osterhase; Islam = Goldene Regel + Kuppelbauten + Fastenbrechen
In der ganzen Diskussion merkte man die Ängstlichkeit und das mangelnde Selbstbewusstsein der Ungläubigen. In jeder anderen Diskussion über Passivrauchen, Autobahnmaut, Asyl oder sonstwas fliegen in dieser Sendung die Fetzen. Aber wenn es um den Islam geht, ist man gaaaaaaanz ganz vorsichtig um nur ja keinen Moslem zu verärgern und ihm möglichst die Chance gibt, sich und den Islam in einem guten Licht zu präsentieren. Hinter dem Rücken werden die Finger gekreuzt und gehofft, dass der Islamvertreter in keine Fettnäpfchen tritt.
Dort, wo es problematisch wird, wie bei der Heiratsfrage, wird schnell beschwichtigt, anstatt, wie es eigentlich sein sollte, nachzuhaken.
Nachdem Schakfeh eine konkrete Ungleichberechtigung von Frauen im Islam zugestanden hat, sollte man ihn fragen, wo der Islam Frauen sonst noch im Vergleich zu Männern rechtlich beschränkt. Erlaubt der Islam prinzipiell den Glaubensübertritt, oder arrangiert man sich lediglich mit dem geltenden Gesetz im Westen? Sieht Schakfeh einen Unterschied zwischen arrangierter Ehe und Zwangsheirat und ist erstere im Gegensatz zu zweiterer erlaubt? Unter welchen Bedingungen? usw.
Es dürfte oft eine Frage von der “Intensität” des Auslebens einer Religion sein, es gibt ja wie gesagt auch emanzipierte junge Musliminnen, die ihren Weg gehen. Wenn sich der “Euro-Islam” das zum Leitbild macht, bzw. die islamischen Glaubensgemeinschaften in diese Richtung forcieren, wärs schön.
Die Vorsicht beruht glaube ich nur teilweise auf dem “einen Moslem nicht beleidigen wollen”. Es gibt v.a. Seitens der Politik wiederum viel Verallgemeinerungen und mehr oder weniger subtile Stimmungsmache (Strache, Winter etc.), das schafft ein entsprechendes Klima, dass sich auch in dieser Diskussion widergespiegelt hat. Das Problem ist, dass man einen Zugang finden muss, der nicht nur auf Fehler und Probleme hinweist, sondern auch Fortschritte lobt. Ich halte es für falsch, nur das Gute herauszuheben, ich halte es aber auch für falsch, immer nur auf jene zu zeigen, die Negativbeispiele abgeben. Schakfeh steht da irgendwie dazwischen, er hat ja auch lobenswerte Sachen gesagt und trotzdem bleibt genug Raum für kritische Fragen (etwa die, die du am Schluß aufgeführt hast).
Ich habe gestern mal wieder über Religionen sinniert.
Eine Religion hat diverse starke Überschneidungen mit einem Staat. Es gibt Steuern(viele Menschen unterstützen die Organisation finanziell). Es gibt Beitritts- und Austrittsregeln. Es gibt Verhaltensregeln innerhalb dieser Organisation. Der Zweck beider Organisationen lautet die Wahrung (Protektion und Ausweitung) der Werte der Organisation.
Ob ich jetzt innerhalb eines Staates sage: Ihr dürft nicht töten oder ob ich das innerhalb eines Glaubens sage hat den einzigen Unterschied im Kern: Religion ist nicht regional.
Die Machtstrukturen von Religionen sind nicht regional aufgebaut und die Wahrung der Werte wird versucht über Glauben zu vermitteln. Aber: Religionen sind keine Demokratie, zumindest die meisten. Viele sind zentral gesteuerte Diktaturen (röm. kath.). Die Gemeinschaft der Christen bestimmt nicht was ihr Glauben ist. Das es legitim ist in einem Staat zu glauben was man will finde ich gut. Aber das man sich einer Diktatur unterstellt die von einem anderen Staatsgefüge kontrolliert wird und eventuell die Interessen des Staates untergräbt ( weil die Mitglieder eben zentral gesteuert sind ) … das ist für mich ein kritischer Punkt.
Im Endeffekt muss man regionale Belange regional lösen und meines erachtens sind alle “körperlichen Tätigkeiten” in hohem Masse regional(Aktionsradius: ~2m). Dazu gehören gesellschaftliche Kontakte mit anderen der Gegend sprich: auch Hochzeiten.
Wenn man in einem Staat jetzt verschiedene Religionen erlaubt dann bedeutet das auch das die Mitglieder dieses Staates die gesellschaftliche Regel: “Wir erlauben verschiedene Religionen” für alle Mitglieder waren müssen – auch für die eigenen Kinder. Es besteht für die Kinder in Österreich z.B. Religionsfreiheit und wenn Eltern dieses versuchen zu unterbinden oder blockieren dann Brechen sie das regionale Gesetz.
Wenn jetzt eine Religion definiert das man dieses und jenes nicht darf bei der Hochzeit dann mag eine Hochzeit einer “Christin” und eines “Muslimen” vielleicht nicht von der jeweiligen Religion anerkannt sein, sehrwohl muss es aber von der Gesellschaft anerkannt sein.
Das es Grundrechte für Menschen überall auf der Welt geben sollte halte ich für hochgradig sinnvoll. Viele Dinge die aber in Religion definiert sind waren zur Bindung der Individuen an die Religion und zur Machtfestigung gedacht um Werte über die Grenzen eines Staates zu vermitteln. Deswegen braucht man sich nicht wundern wenn da 1/2 konträre Text ( wie oben zitiert ) drinstehen.
Prinzipiell finde ich es schade wenn in Diskussionen die Worte mit denen diskutiert wird(Allah ist nicht Gott, oder so) keine Sprache darstellen. Oft wenn ich so “verschiedengläubige” Diskutieren sehe dann stelle ich einfach fest das sie nicht die selbe Sprache sprechen obwohl sie die selben Wörter verwenden. Vielleicht wird es einfach mal Zeit um mal Worte zu definieren mit denen gesprochen werden kann.