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Die Ungewissheit ertragen

Der Spiegel
Das Wochenmagazin „Der Spiegel“ stand lange Zeit für Seriosität in der deutschen Medienlandschaft. Der Internetauftritt des Augstein-Blattes steht für selbige Seriosität leider nur selten ein. Schon wenige Stunden nach der Bluttat in Winnenden war der Schuldige gefunden: Die Computerspiele.

Der Sound des Leitartikels, groß aufgemacht mit einem Bild von Tim zur rechten und einem des PC-Spiels „FarCry 2“ zur linken, war dementsprechend eindeutig: Tim hat wenige Stunden vor dem Attentat ein gewaltverherrlichendes Computerspiel („Killerspiel“) gespielt – hat ihn das zur Tat motiviert?. Subtile Suggestion auf Bild-Niveau. Dass auch mancher Politiker sodann mit der Verbotskeule zu drohen vermochte, überrascht indes weniger. Erstaunlicher vielmehr die Reaktion des als Law-and-Order-Apologeten belächelten Innenministers Wolfgang Schäuble (CDU), der bei der Ursachenforschung zur Rationalität und Geduld mahnte.

Über die Gründe, die Tim K. zu dieser schrecklichen Tat bewegt haben, darf diskutiert werden: Psychologen, Schultherapeuten, Politiker, Lehrer, Eltern – sie alle rätseln ob der Motivlage. Dass aber, wenige Stunden nach der Tat, Computerspiele als Ursache genannt werden, ist, einfach gesagt, billig.

Die konservative „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ stellt hierzu treffenderweise fest: „Die Obsession aber, mit der immer wieder Computerspiele als Ursache in die Debatte gebracht werden (und neuerdings verstärkt das Internet), ist nicht nur die Folge von Unkenntnis und Kulturpessimismus, sondern letztlich auch nur das Erbe des abendländischen Ursachenfetischismus, der glaubt, man müsse nur lange genug graben, bohren, fragen oder hinhören, um am Ende einen Grund, ein Motiv, einen Ursprung zu finden“.

Ruhe bewahren, nach den Ursachen forschen, Schäuble ist hier beizupflichten. Zugleich die Ungewissheit ertragen und sie akzeptieren lernen. Ist unsere (mediale) Gesellschaft dazu imstande?

Creative Commons License photo credit: opponent

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