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Grüne Jungwähler: Auf in die Provinz?

Biere de Broc / Favori 6th anniversary original draught beerErkennen wir die Fakten an: über 45% der zur Urne gepilgerten Wahlberechtigten in Kärnten haben eine Faschingsgilde gewählt, die Kärnten abgewirtschaftet, und den Wahlkampf als fast durchgehenden Leichenschauparade organisiert haben. Sie “passen auf sein Kärnten auf”, “führen sein Erbe fort”, “arbeiten in seinem Geiste weiter” pder vielleicht kleben sie einfach nur eine andere orange Scheibe dorthin, wo bis Anfang Oktober ’08 eine Sonne am Himmel gewesen sein soll. An rationalen Erklärungen für diesen Erfolg fehlt es jedenfalls.

Selbst wenn man sich an den reichlich geläufigen a la “die Leute haben sich halt blenden lassen”-Erklärungen bedient. Die Frage von Marco Schreuder scheint mir nicht unberechtigt: War es eine Wahl oder eine Kondolenz? Kärnten verzeiht “seinem” Landesjörg den unrühmlichen und promilleträchtigen Abgang und zollte ihm einen letzten Tribut, der seinen Nachfolger Dörfler das Ergebnis von 2004 nicht nur halten sondern sogar noch stark steigern ließ. Ein halbes Jahrzehnt bekommt das BZÖ noch für den Trauermarsch, der mit dem langsam verblassenden Abdruck des begabten Vorzeigepopulisten Haider nur noch bergab führen kann. Über den Kärnten-only-Status wird das orange Bündnis nicht langfristig hinauswachsen können, ein CDU/CSU-Modell mit der FPÖ istzu erwarten.

Mein Entsetzen ist aber nicht nur durch die Stärke des BZÖ in Kärnten oder dem FPÖ-Zuwachs in Salzburg zu begründen. Der SPÖ Absturz gibt mir ein wenig zu denken (noch mehr aber Thomas), wirkliche Sorgen mache ich mir aber um die grünen Ergebnisse. Im Süden bedurfte es einem Zwischenergebnis der Wahlkartenzählung um über der kritischen 5%-Hürde zu weilen, in Salzburg wurden aus 8.2% der ersten Hochrechnung letztlich 7.3%, und damit ein Minus, insbesondere weit ausserhalb der Stadt, in der die grüne Bürgerliste einen tollen Zuwachs feierte. Alarmierend ist die radikale Abkehr vieler Jugendlicher von uns, die wir einst eine große Basis unter den jugendlichen Wählerschichten hatten. Gar nur 300 Jungwählerstimmen in Salzburg vermutet eine Landesstatistik, was ich für zu niedrig aber einen bedenklichen Indikator halte. Abgewandert sind sie zu einem beträchtlichen Teil zu HC Straches FPÖ.

Erstaunlich? Eigentlich nicht. Trotzdem war die Überraschung bei der Veröffentlichung der Zahlen entsprechend groß, nicht nur wegen der extrem niedrigen Werte für Grün. Eigentlich war es durch die Nationalratswahl sogar höchst voraussehbar. Nur geändert hat sich seitdem nicht all zu viel. Strache gab diesmal wie damals den feschen Discolöwen, ist sich immer noch nicht zu blöd sich als “StraCHE”, in Anlehnung an die linke Ikone Che Guevara, feiern zu lassen. Aber ist es die Bestechlichkeit, die Wähler diesen Köder schlucken lässt? Da wäre ich mir nicht so sicher.

Manch einfacheres Gemüt mag tatsächlich sein X-erl in der Wahlkabine deswegen bei den Freiheitlichen machen, weil ihm ein hochrangiges Parteimitglied das eine oder andere Bier “gesponsert” hat (genauer betrachtet bezahlen Wähler sich Wahlgeschenke ja eigentlich selbst, aber das ist eine andere Geschichte). Für den größeren Rest dürfte es aber die Signalwirkung sein. “Die Blauen” hören zu, sie bieten dann einfach klingende Lösungen, aber noch wichtiger, da diese Lösungen erst dann wohl als authentisch angenommen werden, sie bewegen sich dabei im Umfeld vieler Jugendlicher. In den vielgeschmähten Bierzelten und Dorfdiscos, die am Land von Gymnasiasten wie Berufsschülern gleichermaßen besucht werden. Weil es sich im Freundeskreis so ergibt, weil die Alternativen in ruralen Gebieten kaum bis gar nicht vorhanden sind.

Die FPÖ, die sich die Arbeiterschaft erschlossen hat, verfügt damit auch über ein Aktivistenpotential, welches sich auch authentisch in derlei Lokalitäten bewegen kann. Erst recht wenn der Chef es medienwirksam vorexerziert.

Nun ist es nicht so, dass etwa grüne Aktivisten nichts reden würden. Das tun sie nämlich, und das sehr bemüht, engagiert und eloquent – doch selten in einem so “persönlichen” Umfeld. Im Strassenwahlkampf trifft man oft auf Leute, die üblichen, tagtäglichen Verpflichtungen hinterhereilen, ihre Gedanken dementsprechend geordnet haben. Man kann Eindruck hinterlassen, das Gespräch wird selten persönlich. Das dürfte bei erwachsenen Wählern, die sich oftmals ohnehin anders informieren oder schon “vergeben” sind, und für die ein Wahlgoodie und ein paar Worte zur grünen Politik dann nur einen kleinen Impuls darstellen, keine riesige Relevanz haben. Bei Jugendlichen jedoch, die sich zwar durchaus mit politischen bzw. politisierten Themen befassen, aber selten in einer ganzheitlichen Form oder mit parteipolitischen Aspekten, aber umso mehr.

Menschen beim “Fortgehen” erwischt man mitten im “Socializen”, die Gesprächsbasis ist tendentiell viel persönlicher, so man nicht gleich mit der groben Keule der Parteipolitik hineinprescht. Folglich kann der beste Straßenwahlkämpfer nicht wettmachen, was der in der Dorfdisco fehlende Werber gar nicht erst macht. Der mitunter oberflächlich-kollegiale Plausch im Bierzelt entspricht den Realitäten in ländlichen Gebieten viel mehr dem Kriterium “Volksnähe”. Das bedeutet etwa für uns Grüne ein erhebliches Problem.

Die FPÖ hat sich die Arbeiterschaft erschlossen (tut sich bei höheren Bildungsschichten aber nach wie vor schwer) und damit meine ich durchaus auch Berufsschüler. Somit hat sie diesen Zugang zur Jugend, insbesondere in der sprichwörtlichen “Provinz”. Das muss uns erst auf breiterer Ebene gelingen, um den Draht zur Jugend ausserhalb der Städte wiederzufinden, bloß es fehlt an Leuten, die ihn dort verlegen, wo er gebraucht wird. Der blaue Zug dampft auf der gleichen Schiene auch langsam ins Urbane, er wird aus demografischen und strukturellen Gründen dabei zumindest anders angetrieben.

Der Mangel an Aktivisten aus dem “Hackler-Milieu” ist fallweise schwerwiegender als etwaige thematische Verfehlungen. Sicher hat es die grüne Bundespartei ihren Landesorganisationen mit der Causa Voggenhuber nicht unbedingt leichter gemacht, und über grüne Wahlkampf-Themensetzungen und Themenvermittlung kann und sollte man sicher diskutieren. Auch bei einem Krügerl Bier und volksmusikalischer Hintergrundbeschallung.

Ein grüner “Landfeldzug” ist eine wichtige Antwort auf den Weggang vieler Jungwähler. Gesucht wird eine “Armee” dafür.

Creative Commons License photo credit: [puamelia]

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3 Kommentare

  • Am 4. März 2009 sagte Tom Schaffer:

    erinnert an the great schlepp. die idee hatte ich vor einiger zeit auch schon

  • Am 5. März 2009 sagte Andreas Lindinger:

    Richtige Analyse, dennoch kann die Lösung nicht darin liegen, Leute aus der Stadt aufs Land zu holen um dort mit den Leuten zu sprechen, das wäre zu wenig authentisch. Ich sehe das Problem auch nicht nur am Land, denn im Endeffekt könnten die Grünen auch in den Städten näher am Wähler sein, auch dort gibt es Discos etc.

  • Am 5. März 2009 sagte Georg Pichler:

    Sicher könnten sie, aber dort ist das Problem bei weitem nicht so existent, und in den Städten findet das Campaigning ja durchaus in und um viele Lokale statt, in der oft grünaffine Wähler verkehren – weil die Auswahl gegeben ist. Am Land sind die “Dorfdiscos” oft “Einheitslokale” in der Hinsicht, weil zumeist einfach die einzigen vorhandenen Jugendlokale.

    Mein Vorschlag ist auch nicht die Leute aus der Stadt aufs Land zu schicken (das findet teilweise bei Gemeindetouren statt), sondern ich denke da eher an vermehrte Gewinnung junger AktivistInnen die hier eine Rolle spielen sollten, etwa über die Gemeindegruppen mit entsprechender Unterstützung von Landes und Bundesorganisationen, vll. auch mit einem Gesamtkonzept für eine solche “Rekrutierungswelle”, sollte das angesichts der unterschiedlichen Ausgangslagen Sinn machen.

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