Viel wird über neue Partizipationsformen geredet, oft im Zusammenhang mit dem Web 2.0. An dieser Stelle dreht sich die Generation der Internetaffinen oftmals um sich selbst. Die Realisierung von gesellschaftlicher Beteiligung im Web ist an sich kein großes Problem mehr, jedenfalls technisch nicht. Bloß das Hinaustragen ins “Offline”, zu der Mehrzahl an Leuten, die Facebook & Co. vielleicht vom Namen her kennen, ihren Internetanschluß sonst aber für den Austausch von E-Mails, das Lesen von Nachrichten oder der Suche nach Informationen nutzen, funktioniert bei uns noch kaum. Positiv sei an dieser Stelle das Projekt “Grüne Vorwahlen” erwähnt, für das dieser Schritt fix im Plan ist. Aber wie wäre es mit einer anderen Offline-Initiative, die sich wunderbar mit dem Internet verknüpfen ließe?
Wien hat viele schöne und größere Parks. Spontan fielen mir da etwa der Stadtpark, der Augarten oder der Türkenschanzpark ein. In London hingegen steht der riesige Hydepark wo sich nahe des Marble Arch der Speakers’ Corner befindet. Dort, wo einst zum Galgen verurteilte die Gelegenheit zu einer Abschiedsrede bekamen, darf heute jeder auftreten und seine Sicht der Welt, seine Wünsche und Ideen für die Allgemeinheit formulieren. Die Restriktionen bestehen ausschließlich aus dem Gesetz und einem typisch britischen Regulativ, dass es verbietet die Queen zum Thema einer Rede zu machen.
Mitunter mag dieser Platz zu einer Freakshow verkommen (trotzdem ist er gut besucht), doch hatten laut Wikipedia auch Marx, Lenin oder George Orwell dort einst ihren Auftritt. Und in Wahlkämpfen soll auch schon so mancher Spitzenpolitiker diese historische Stätte der Meinungsfreiheit “beehrt” haben. Trotzdem: Auch die eben angesprochenen Freaks sollen ihren Platz zum Reden haben, manch einer mag dem vielleicht was abgewinnen – und sei es nur pure Heiterkeit. Ich hätte so etwas wie den Speakers’ Corner gerne in Wien, bzw. überhaupt in den Landeshauptstädten, da ich glaube es würde unserer demokratiepolitischen Kultur gut tun.
“Geh doch in den Stadtpark und quatsch drauf los”, mag man hier einwenden. Das mag auch richtig sein, doch ist ein “offizieller” Ort für derlei Vorhaben besser geeignet. Zum einen wegen der Ausstattung, wie etwa ein kleines Podest und vielleicht ein paar einfache Bänke für geneigte Hörer, zum anderen weil man dort nicht von unguten “Schleich di mit dei’m deppaten Geplapper” Zeitgenossen vertrieben werden kann. Nicht jeder mag alles hören, doch viele möchten vieles sagen, und am Speakers’ Corner hat man unumschränkt die Gelegenheit zu beidem.
Dokumentieren ließen sich die Reden einfach per YouTube, was ohnehin früher oder später von selbst geschehen würde. Auch diverse andere Webprojekte könnten sich dessen annehmen, es mitverfolgen, promoten und verwerten. Und wer weiß, vielleicht fände sich am Podest eines austriakischen Speakers’ Corner ja das eine oder andere rhetorische und politische Talent?
Solche Rede-Ecken zu realisieren dürfte auch budgetär leicht verkraftbar sein, auch in Zeiten einer Wirtschaftskrise. Das heilige Gut der Meinungsfreiheit verliert nicht an Wert, egal wie sehr die Unternehmen am Boden liegen oder die Inflation in die Höhe schiessen mag.
Machen wir das doch einfach, schaffen wir öffentliche Plätze die ihr gewidmet sind, als Freiraum für jene, die etwas zu sagen haben (und zwar im wortwörtlichen Sinne). Denn wie sprach einst der weise Sokrates so schön: “Rede, damit ich dich sehe!”
photo credit: salimfadhley





Tolle Idee, würde ich auch sehr begrüssen. Ich bin jedoch sicher, dass es bei uns noch sehr, sehr lange keinen Speakers Corner geben wird, denn mit freier Meinungsäußerung haben wir es hierorts nicht so.
Bei uns würden die Grünen alle zwei Tage neue Protest-T-Shirts drucken, die Religionswächter mit dem Staatsanwalt im Schlepptausch hinter den Büschen lauern, und die politisch korrekte Sprachpolizei wohl Tag und Nacht davor mit Knüppeln patrouillieren.
Unter solchen Umständen: Speakers Corner? – No way!