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Debatte statt Kulturkampf

ReichstagIch war zugebenermaßen etwas erstaunt, als ich letzte Woche in Berlin war. Überall Plakate, die hehre Begriffe wie Freiheit, Religion oder Ethik schmückten; überall Gesichter von (mehr oder weniger) berühmten Persönlichkeiten, wie dem TV-Moderator Günther Jauch oder dem Innenverteidiger der Hertha aus Berlin, Arne Friedrich. Auch die Hauptstadt-Journaille, allen voran das Klatschblatt „B.Z.“, voll von Berichten über Themen wie Religion und Ethik. Manch ein Journalist schrieb da schon einen Kulturkampf herbei.

Die Stadt Berlin ist zugleich auch ein Stadtstaat, also ein Bundesland. In diesem Bundesland gab es seit Gründung der Bundesrepublik 1949 keinen Religionsunterricht. Es war aber möglich ein freiwilliges Fach in Verantwortung der jeweiligen Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft zu belegen; das Land Berlin zahlte, die Schule musste den Stundenplan dementsprechend anpassen.

Nach dem „Ehrenmord“ an der Deutschkurdin Hatun Sürücü 2004, wurde, nicht nur in Berlin, eine lebhafte Debatte über die Wertevorstellungen in unserer Gesellschaft geführt. Kann es sein, dass in „Parallelgesellschaften“ Ehrenmorde zum gängigen Wertekanon gehören? Wie können demgegenüber die Werte unserer Gesellschaft vermittelt werden?

Die rot-rote Landesregierung unter Ministerpräsident Wowereit führte kurzerhand das Fach Ethik für die Klassenstufen 7 bis 10 ohne eine Abmeldemöglichkeit ein. Das heißt: Das Fach Ethik war verpflichtend, Religion konnte weiterhin zusätzlich angeboten werden, allerdings sollte bei der Stundenplanerstellung hierauf keine Rücksicht mehr genommen werden; der Religionsunterricht sollte also auch nachmittags stattfinden können.

Eine durchaus ominöse Vereinigung strebte hierzu ein Volksbegehren an, meisterte das nötige Stimmenquorum, sodass es am Sonntag zum Volksentscheid kam. Worum ging es? Die Initiative Pro Reli, gestützt von den genannten „Stars“, CDU/CSU (allen voran Angela Merkel) und FDP, aber auch SPD-Führungspersönlichkeiten wie Frank-Walter Steinmeier, Andrea Nahles oder Wolfgang Thierse, wollte den Religionsunterricht gleichberechtigt einführen. Katholische Religion, evangelische Religion oder der Islamunterricht sollten demnach parallel zum Ethikunterricht laufen. Die „Pro-Ethik“-Fraktion wurde angeführt vom rot-roten Senat in Berlin, den Grünen und einer christlichen Vereinigung namens „Christen pro Ethik“. Ihr Ziel: Beibehaltung der Regelung von 2006. Ethik für alle verpflichtend, Religion als Zusatzangebot. Denn, so Klaus Wowereit, wer seine Kinder zum Ballettunterricht schicke, könne von diesen auch erwarten, dass sie am Nachmittag zum Religionsunterricht gingen.

„Pro Reli“ scheiterte mit seinem Vorhaben Religion zum gleichberechtigten Wahlfach zu machen, das alternativ zum Ethikunterricht angeboten wird, wie übrigens in den meisten anderen Bundesländern. Das lag vor allem auch an der niedrigen Wahlbeteiligung. Denn trotz aller Polarisierung, der Kulturkampf blieb ein Kampf der Kultureliten, weniger einer der Berliner Unterschicht.

Es ist gut, dass diese Diskussion geführt worden ist.Gerade die Verfechter von Pro Ethik können auf einen zunehmend säkularisierten Zeitgeist bauen, der sich von der Institution Kirche eher angewidert abwendet. Die meisten Gegner von Pro Reli haben deren Kampagne, die wahrlich oftmals etwas kulturkämpferisch anmutete, mit deren im Kern richtigen Argumentation verwechselt: Die Wertevermittlung in unserer Gesellschaft funktioniert am besten mithilfe der Religion. Religionsunterricht meint eben nicht Bibelexegese aus den 50er-Jahren, sondern Diskussionen zum Thema Ethik, Glaube, gesellschaftliches Zusammenleben und (gesetzliche) Rechte. Geschichten von Hiob und Moses fungieren hierbei oftmals eher als Staffage, als Mittel zum Zweck, das wichtige Themen in ein ansprechendes Geschichtenkorsett verpackt und somit für Schüler verständlicher macht.

Dazumal war Pro Reli eben keine Christenveranstaltung, wer gerade den evangelischen Verfechtern dieser Kampagne zugehört hat, wird raus gehört haben können, dass mittelfristig auch der islamische Religionsunterricht angeboten werden soll – mit geschulten Lehrpersonal. Der Lehrplan für den Ethikunterricht so wurde unter der Hand geunkt, sei demgegenüber viel zu überladen, zu unstrukturiert und leide darunter, dass Dinge wie das Grundgesetz nur schwerlich ansprechend zu vermitteln seien. Man muss wahrlich kein gläubiger Mensch sein, um nicht auch zu der Erkenntnis zu gelangen, dass vieles, was der Religionsunterricht bietet, so schlecht nicht ist.

Dass diese Debatte, nicht immer ganz sachlich, aber dennoch en gros konstruktiv geführt worden ist, ist eine Bereicherung für die Hauptstadt und das ganze Land gewesen.

Creative Commons License photo credit: Josiah Mackenzie.

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