Selten ist die Frage nach der Legitimation internationaler Macht so in den Hintergrund getreten, wie im letzten halben Jahr der internationalen Finanzkrise. Selten ist das so bewusst geworden, wie in dieser Woche. Die G20-Staaten treffen sich in London um die Welt zu retten und die NATO-Länder feiern heute ihren 60 Geburtstag. 60 Jahre, in denen auch sie die Welt gerettet haben.
Die NATO, 1949 von den westlichen Siegermächten gegründet und während des Kalten Krieges das nötige Gegengewicht zum Warschauer Pakt.
Heute ist die NATO größer, mächtiger und ohne einen „bolschewistischen/kommunistischen Feind“ auf der anderen Seite des vor 20 Jahre gefallenen Eisernen Vorhangs. Dort steht eher eine Wirtschafts-, als eine rein Militärmacht. (Diese ist natürlich ohne Frage auch vorhanden, aber nicht institutionalisiert)
Seit 20 Jahren ist die NATO also ein Verteidigungsbündnis auf der Suche nach einem großen „Feind“, der die eigene Dimension rechtfertig. Denn diese ist weit über die Maße des Kalten Krieges gewachsen. Und zwar sehr deutlich in Richtung des alten Feindes Russland.
Mit Albanien ist 2009 ein weiter Staat der ehemaligen UdSSR dem Nordatlantischen (sic!) Verteidigungsbündis beigetreten. (dazu noch Kroatien als Teil des ehemals sozialistischen Jugoslawien)
Seit zwanzig Jahren also, zieht die NATO ihr Existenzrecht nicht mehr aus der Wahrung eines Weltgleichgewichtes, sondern offensichtlich daraus, in den Kriesenregionen dieser Erde als eine Art „Weltpolizei“ (SPIEGEL) aufzutreten (Afghanistan, Irak, Somalia). Die NATO hat eine neue Aufgabe gefunden, wenn man so will, auch eine ehrenhafte. Aber legitimiert allein eine ehrenhafte Aufgabe zu militärischen Einsätzen? 27 demokratische Staaten sind im Militärbündnis zusammengeschlossen und dieser Zusammenschluss unterliegt keiner demokratischen Legitimation.
Natürlich sind die Vertreter der einzelnen Länder auf demokratischen Wege in ihr Amt gekommen.
Natürlich wird die NATO von Parlamenten und Medien kontrolliert.
Natürlich kommen die Entscheidungen innerhalb der NATO demokratisch zustande.
Aber mit welchen Recht, entscheiden ausgerechnet DIESE Länder?
Und mit welchem Recht werden Staaten mit ebenfalls demokratisch gewählten Politikern nicht in das Militärbündnis aufgenommen?
Machtpolitisches Kalkül?
Eine gefährliche Konstellation, wenn wir bedenken, das die Entscheidungen der NATO wahrscheinlich wesentlich stärker für den „Weltfrieden“ verantwortlich sind, als die nationalen oder supranationalen Parlamente.
Ist die UNO ein ausreichendes Kontrollorgan für die NATO? Wo sich diese doch vorbehält, auch ohne Mandat militärisch zu agieren (Kosovo)?
Das fatale an der Stellung der NATO ist ihre elitäre Etablierung als Militätmacht, die keiner direkten Kontrolle unterliegt. An dieser Stelle muss wahrscheinlich der Autonomie und Souveränität der Einzelstaaten gedankt werden, die verhindern, dass die NATO uneingeschränkt ihr Machtgebiet und ihren Einfluss ausbaut.
Ebenso fraglich ist die Legitimierung der G7/G20.
Die selbstdefinierten „Größten“ fühlen sich in der Lage die Welt zu retten. Immerhin trafen sich 85% des weltweiten BIP (Angela Merkel) in London. Sie trafen sich, um ihre Welt zu retten, die des etablierten Kapitalismus. Das ist auf diesen ersten Blick sicher richtig und lobenswert, auf den zweiten Blick ist die Frage, mit wieviel Enthusiasmus sich diese Elite-Staaten um die über 170 anderen Länder kümmern. Sind diese nicht von der Krise betroffen? Was bedeutet die Finanzkrise perspektivisch für den Afrikanischen Kontinent?
Niemand verlangt, dass die „Großen“ ihre Banken pleite gehen lassen, nur um weiter “Hilfspakete” zu finanzieren. (spannend, welche Entwicklung dieser Begriff durchgemacht hat) Aber wer erinnert die G20 daran, wie sehr sie auf Kosten der Dritten Welt gelebt haben und es sicher weiter tun werden?
Wieviel Afrikanische Volkswirtschaften hätte man damit wettbewersfähig machen können?
Es ist natürlich sinnvoll, dass sich die verantwortlichen Staaten der Finanzkrise Gedanken über deren Lösung machen. Aber mit welchem Recht werden andere Staaten von dieser Lösungsfindung ausgeschlossen?
Liege ich falsch, wenn ich dieses Treiben mit einer Schulklasse vergleiche, in der die besten Schüler festlegen, nach welchen Richtlinien in Zukunft gelernt wird? Wäre es dort nicht völlig natürlich, dass diese Schüler zuerst ihr eigenes Wissen steigern und nur im Optimalfall so gescheit sind, dass sie die anderen nicht völlig vernachlässigen?
Schließlich muss weiter ein Kontrast zu Ihrer eigenen Situation besteht. Der eigene „Über-die-Maßen-Leben“ muss schließlich von denen, die „Unter-dem-Möglichen“ leben, finanziert werden.
Die zu melkende Kuh, die der Bauer nicht schlachten soll hier nur sehr kurz ins Gedächtnis gerufen werden.
Ist dieser Zustand legitim? Wer entscheidet darüber, wann aus den G20 die G40 werden?
Mag man bei der Rettung der Finanzmärkte noch der verknappten Meinung sein, dass die Rettung der Größten 20 so nötig und schwierig ist, dass diese nicht auch noch mit anderen Staaten belasteten werden sollen, vielleicht sogar noch deren Positionen in einen Kompromiss einbauen.
Spätestens beim Nordatlantischen Militärbündnis wird aber deutlich, dass dessen Entscheidungen über Krieg und Frieden in erstaunlich willkürlichen Händen liegt. Bis jetzt scheinen diese zum Glück relativ geschickt zu handeln. (Von der Durchführung des Afghanistan-Krieges abgesehen) Bei einem eventuellen NATO-Beitritt Georgiens könnte das aber, in Anbetracht der russischen Reaktion, ein fataler und vor allem absehbarer, Irrtum sein.
Ebenso fatal, wie die Rede von der „Weltregierung“ (ORF ZIB 2 02.04), die gerade in London tagt. Eine Weltregierung ohne die Legitimation der Welt führt uns früher oder später in eine ähnlich gefährliche Spaltung der Welt, wie zwischen 1949 und 1991.
Wenn die G20 also nach dem nötigen kurzfristigen Erfolg nicht schleunigst beginnen eine legitimierte und integrative (und keine elitäre) Weltregierung zu entwickeln, könnte es bald auch eine globale „Außerparlamentarische Opposition“ aus ruinierten Staaten geben, die nur noch wenig zu verlieren haben. (Der Begriff ist natürlich belegt, aber “FUCK MAY 68 FIGHT NOW”)






Hmmmm…..
Schöner Artikel, hat dich bestimmt einiges an Zeit und Gedankengut gekostet – Respekt! Das meiste davon würde ich sogar unterschreiben, Teile davon aber nicht wirklich. Das zu kommentieren wird mich aber bestimmt auch Zeit bis mindestens morgen kosten, denn so einen Artikel kommentiert man nicht mit einem Zweizeiler ;-)
Da geht es ans Eingemachte. Warum braucht Macht überhaupt Legitimation, könnte man zynisch fragen. Weniger zynisch: Braucht jemand, der Macht ausüben will, nicht nur die Legitimation derjeniger, auf deren (zumindest schweigende) Zustimmung er zur Ausübung angewiesen ist? Und wer sind diese Personen dann wirklich?
Oder geht es hier um einen ganz bestimmten Legitimationsbegriff einer ganz bestimmten ideologischen Prägung?
Mal eine kleine Frage, wegen deinem Statement “Aber wer erinnert die G20 daran, wie sehr sie auf Kosten der Dritten Welt gelebt haben und es sicher weiter tun werden?”
Zur G 20 gehören auch Indonesien, Südafrika, Brasilien, Argentinien und Mexico. Gut, nicht mehr wirklich Entwicklungsländer, aber früher gehörten sie mal dazu.
Also die G20 haben zumindest schon mal mehr Legitimation wie die G8… aber eigentlich liegt die echte Legitimation nur beim UNO-Gesamtrat. Nur: Der tritt a. zu selten zusammen und b. hat zuwenig politische Macht.
Zur NATO muss man aber sagen, dass sie nicht so “stark” ist wie man denken könnte. Zwar sind in ihr die meisten Staaten der EU, die USA und Kanada involviert, aber es handelt sich ja nur um ein militärisches Bündnis, dass im Falle eines Angriffs von Außen gemeinsam kämpfen MUSS. Nehmen wir den Kosovo oder Afghanistan: Hier MUSS keiner kämpfen, wenn die Staaten es tun, dann aus eigenem Willen, denn es handelt sich nicht um Verteidigungskriege.
Die NATO dient hier nur als etablierte Organisationsform, die Arbeitsweisen und Befehlsketten sind in 60 Jahren recht eingespielt, bewährte Strukturen halt. Und natürlich der Grund, dass die NATO-Führung sonst gar nix zu tun hätte.
Es liegt also hier an den einzelnen Staaten. Und um es mal so zu sagen: Da 90% der G20- (deshalb zähle ich Russland dazu) und 100% der NATO-Staaten offiziell Demokratien sind, läge es an uns, unliebsame Regierungen durch Wahl zu stürzen… wir müssen uns also schon selbst an die Nase fassen, wenn wir es nicht tun ;)
Ich möchte noch daran erinnern, dass die G20 das Budget vom IMF um $500Mrd aufgestockt haben. Und dieses Geld kommt ja den Ländern zu Gute, die nicht in der G20 sind.
Und ob es die Wettbewerbsfähigkeit der Entwicklungsnationen gesteigert hätte, wenn sie $1000 Mrd. bekommen hätten, darf ruhig bezweifelt werden. Vermutlich hätte es nur die Korruption gesteigert. Die Überweisung der Entwicklungshilfe an diese Länder dient ja nur zur Beruhigung des schlechten Gewissens, das unsere Politiker wegen der Landwirschaftssubventionen und der Zölle haben, mit denen sie verhindern, dass die Entwicklungsländer überhaupt in den Wettbewerb eintreten können.
Und der einzige Grund, dass die UNO überhaupt etwas sinnvolles zustande bekommt sind die Vetomächte, die einfach das Meiste blockieren. Wie es in der UNO ansonsten zugehen würde sieht man im Menschenrechtsrat, in dem Staaten, in denen es keine Menschenrechte gibt die Mehrheit haben. Auch wenn die UNO vielleicht formal eine Legitimation hat bin ich froh, dass diese keine wirkliche Macht hat.
Vielen Dank für die bisherigen Kommentare.
Ein paar Worte zur Klärung:
Das Problem der Legitimation fällt mir am deutlichsten auf, wenn ich es mit der Legitimation unserer nationalen Parlament vergleiche und wenn ich den (eventuell zu einfachen) Kreislauf zu Grunde lege, dass Macht nur von denjenigen auf diejenigen ausgeübt werden sollte, die auch von eben jenen Zwieten gewählt werden.
Eben das ist weder bei NATO noch G20 der Fall.
Das diese “Herrschaftsformen” nach Max Weber sicherlich eine Form der Legitimität haben, lässt sich schwer bestreiten. Vor allem aus Sicht der vertretenen Länder und mit Blick auf die von “sohalt” angesprochenen 500 Mrd. ist es eine sehr rationale und traditionale Legitimität.
Ich mag es nur nicht, wenn wir von der Annahme ausgehen: Nur weil etwas jetzt funktioniert, wird es auch in Zukunft funktionieren.