Archiv

Paranoia im Deutschland-Hemd

deutschand-trikot

Das Hemd erweckte bei mir nie einen anstößigen Eindruck. Schwarz-weiß gestreift, altmodischer V-Schnitt-Kragen, relativ eng geschnitten, verziert mit einem Deutschland-Wappen auf der linken Brust. Das Hemd hatte ich vor einem Jahr gekauft; ich hatte es kaum mehr in Erinnerung. Eben jenes Hemd sollte mich dann mit gar tiefgründigen Gedanken konfrontieren: Deutscher zu sein, mit patriotischen Symbolen hausieren gehen (Fahne!), darf man das?


Das Hemd ist eine Hommage an das Nationaltrikot der deutschen Fußballnationalmannschaft; ich glaube aus den 50er-Jahren. Sicher bin ich mir nicht, aber es waren wohl jene Zeiten, als Fußball noch primär aus „Rush“ und weniger aus „Kick“ bestand. Dennoch, es sieht nicht aus wie ein Fußballtrikot. Im Gegenteil, sein Design könnte auch zu anderen, weniger liebsamen Assoziationen verleiten – trugen nicht auch auf NPD-Demos mancherlei Nazis schwarz-weiße Hemden mit Deutschlandfahne?
In der Stadt wurde ich paranoid. Jeder Blick in meine Richtung wurde meinerseits fehlinterpretiert. Könnte das Hemd jemand für anrüchig halten, bin ich vielleicht deshalb ein Blickfang? Stört es das rationale „verfassungspatriotische“ Empfinden der Deutschen, wenn man so offenkundig mit einem Deutschland-Fähnchen auf der Brust umherläuft? Der Lächerlichkeit meiner Gedankengänge wurde ich mir schlussendlich erst bewusst, als ich am selben Tag zufälligerweise ein Pärchen aus New Jersey kennenlernte: frisch, fröhlich, locker und frei; beide übrigens mit einem semi-hübschen Amerika-Hemd bekleidet (er eines ist in rot, sie eines in blau).

Warum ist es in Deutschland noch immer so ein Problem mit einem Hemd flanieren zu gehen, hinter dem sich eine Hommage an vergangene Zeiten verbirgt? Warum hat man noch immer Probleme damit sich als links sozialisierter Mensch mit „Migrationshintergrund“ dazu zu bekennen, dass man nicht nur Fan eben jener deutschen Nationalmannschaft ist (man erinnere hier an die WM 2006), sondern auch kein Problem damit hat, die für diese Nation, diesen freiheitlich demokratisch organisierten Staat sinnstiftenden Symbole “zur Schau” zu tragen?

Wir befinden uns im Superwahljahr, Superkrisenjahr, gleichwohl auch im Supererinnerungsjahr. 20 Jahre Mauerfall, 60 Jahre BRD, 60 Jahre Grundgesetz, vor 90 Jahren die ersten demokratischen Wahlen in Deutschland und so weiter. Ein bisschen stolz ist durchaus angebracht – nach all den Schrecken, die wir verursacht haben.

Ein halbwegs funktionierender Sozialstaat, eine lebhafte, funktionierende repräsentative Demokratie, ein komfortables Maß an Wohlstand, eine nicht pazifistisch, aber bei weitem auch nicht bellizistische, dafür aber partnerschaftliche Außenpolitik und eine freie, kritische und wohltuende Medienlandschaft sowie eine vorbildliche Erinnerungskultur. Wahrlich, Deutschland hat genügend Gründe auch mal stolz sein zu dürfen, so verpönt dies, gerade unter uns Linken, noch immer sein mag.

Das besagte Hemd, dieses pseudo-alte Fußballtrikot jedenfalls, wanderte nolens volens vorerst zurück in den Kleiderschrank; auf der Rückseite prangte ein 10 cm breiter Tintenfleck. Ein echter Blickfang.

Weitersagen & Bookmarken:

2 Kommentare

  • Am 28. Mai 2009 sagte Andy:

    Schön geschrieben, aber fragst du dich das wirklich im Ernst?

  • Am 4. Juni 2009 sagte Tom Schaffer:

    niemand weiß wohl, warum dich das tragen eines trikots paranoid macht.

    aber noch weniger weiß ich, warum du aus deiner persönlichen paranoia plötzlich ein allgemeines “Warum ist es in Deutschland noch immer so ein Problem mit einem Hemd flanieren zu gehen” machst?

    im wesentlichen machen die deutschen das nämlich seit jahren ganz selbstverständlich. es gibt kein sportereignis mehr, wo nicht fahnenschwing und trikotträger aus “schlaand” herumziehen.

    ich hab zwar keine ahnung, was daran nun das positive element sein könnte, das nun die welt in irgendeiner form schöner macht, aber bitte. die deutschen haben ihre verkrampfung jedenfalls imo längst so weit abgelegt, wie es sein darf. ein plädoyer für noch legereren umgang mit nationalität kann ich demnach nicht mehr nachvollziehen.

    denn die dinge, die du hier preist, die sollte man sehr wohl hochhalten. warum man dafür eine schwarz-rot-goldene fahne braucht, das weiß womöglich nur der wind.

SPEAK UP!

Verfasse einen Kommentar oder schicke einen Trackback von deiner Seite.

RSS: Abonniere die Kommentare zu diesem Artikel.

Du kannst folgende Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

*Pflichtfeld