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4 Tage in unserer Uni

Am Donnerstag, dem 22. Oktober 2009, wurde nach einer Demonstration für bessere Bildung der größte Hörsaal der Uni Wien besetzt – das Audimax. Heute, am 26. Oktober, ist die Besetzung lebendiger denn je. Meine Befürchtungen nach dem ersten Tag sind nicht aufgegangen. Das Chaos des ersten Abends, die unpräzisen und weltfremden Forderungen, alles machte zuerst den Eindruck, als würde hier tatsächlich ein letztes “linkes” Aufbäumen stattfinden. Ein ergehen in Partyekstase, die den Verlust der Hoffnung einmal noch übertünchen könnte. Und am Dienstag darauf würde nach der Kapitulation vor dem Status Quo der Uni-Alltag würde wie eh und je aussehen. Doch denkste.

ÖVP-Parteisoldat Loub hätte es gerne gesehen, wenn das Audimax voller “Linker” (als Unterstellung, dass nur “Linke” sich gegen schlechte Bedinungen zur Wehr setzen würden) geräumt worden wäre. Ein bezeichnendes Verständnis von Demonstrationsfreiheit, beim ersten Anzeichen richtigen Protests die Exekutive in eine Universität schicken zu wollen. Law & Order über alles, ich nenne das Politik für Wenigdenker.

Statt einer medienwirksamen Besetzung wollten er und konservative Konsorten “konkrete Argumente und Forderungen” in Verhandlung mit dem Ministerium sehn. Jenem Ministerium, dass sich zwar mit ÖH Vertretern ab und an zusammensetzt, dies aber nur als Alibiaktion. Dann war die Unirealität auch schon Argument genug, und nach wenigen Tagen haben die basisdemokratisch organisierten Besetzer auch ihre Forderungen konkretisiert. Vom Wunschtraum-Wunderland ist nich viel übrig. So ziemlich alles, was verlangt wird, kann mit etwas Willen dazu erfüllt werden.

Und es ist nicht nur ein Protest an der Uni Wien, wie Wissenschaftsminister Hahn beinahe hämisch noch vor kurzem verlautbarte. In Wien “brennen” die Bildende (als Ausganspunkt der Proteste), die Technische Universität und bald auch die BOKU. In anderen Landeshauptstädten (Wien, Linz, Salzburg) sind Proteste in Vorbereitung, Graz macht schon aktiv mit. Die KindergärtnerInnen unterstützen uns, die IG Metall ebenso. Zu den Gewerkschaften besteht Kontakt. Das Buschfeuer an den Hochschulen kann zum gesellschaftlichen Flächenbrand werden. Gegen die Ökonomisierung der Bildung und anderer Lebensbereiche. Gegen prekäre Dienstverhältnisse. Und für viele andere Anliegen, die wir als auch die “Arbeiter” eigentlich teilen. Möglicherweise finden demonstrierende Studenten demnächst positiven Anklang in Stammtischdiskussionen. Möglicherweise – und das klingt geradezu utopisch – schlägt sich plötzlich die Krone auf unsere Seite.

Doch soweit will ich im Entwurf eines Szenarios gar nicht gehen. Was mich zur Zeit mehr beeindruckt, als die Chancen, die wir möglicherweise haben, ist was aus dem Drunter-und-Drüber des ersten Tages geworden ist. Im Audimax hat zwar kein fester, aber ein durchwegs geordneter Tagesablauf Einzug gehalten, koordiniert von einem täglich gewählten Komittee. Etwa 30 Arbeitsgruppen kümmern sich im Detail um verschiedene Aufgaben technischer, organisatorischer ebenso wie strategischer Natur. Etwas schwierig ist noch die dauernde Abstimmung mit dem Kommittee und das obligatorische Votum im Plenum. Eine gewisse Langsamkeit ist wohl der Preis, den man für Demokratie manchmal zahlen muss.

Trotz aller Fortschritte ist immer noch nicht alles eitel Wonne. Zeitweilige Beschädigungen Seitens irgendwelcher Spinner ist ein Problem. Ein mysteriöser “Black Block” hat eine Toilettentür beschriftet und das dahinterliegende Klo ziemlich angefackelt. Das hat mit Protest freilich nix zu tun und fällt eher unter “Aggressionsabbau für Schmalhirne”. Auch die Vermüllung von Gängen und Hörsaal muss hier erwähnt werden. An beidem jedoch wird gearbeitet: Im ersten Fall distanzieren sich die täglichen Organisatoren von Vandalismus und rufen zur Zivilcourage auf (mehr können sie auch kaum machen), in zweiterem Fall bekommt die “Arbeitsgruppe Müll” das Problem immer besser den Griff.

#unsereuni, #unibrennt und #audimax sind seit vorgestern beständig unter den meistgenutzten Tags des deutschen Twitterversums zu finden. Sowohl der Standard wie auch Österreich widmeten den Studenten bisher ein Titelcover. Die anderen Zeitungen griffen das Thema zumindest mehr oder weniger groß auf. Michael Fleischhacker, Presse-Chefredakteur, setzte sich mit einem Kommentar eher in die Soße und erwartete schon kurz nach Start der Besetzung perfekt ausgearbeitete Forderungen und Organisation. Entweder versteht er nicht, dass eine basisdemokratische Ordnung mit hunderten  bis tausenden Teilnehmern nicht wie eine Zeitungsredaktion funktionieren kann, oder es ist einfach der konservative Bias, der da spricht.  Die Bedeutung von Bildung ihm abhandengekommen. Seine Ultima Ratio sind weiterhin Studiengebühren und Platzbeschränkungen.

Der für mich wichtigste Aspekt ist es, gegen die schleichende Umwandlung von Bildung zur Ausbildung zu protestieren. Wo früher Raum und Zeit zu ausgiebigem, reflexionsreichen und manchmal auch etwas langwierigem Lernen war, ist man zunehmend gezwungen sich in Mindestzeit durch den Lernstoff zu peitschen. Dass da nicht viel Platz für tieferes Ergründen des Gelernten bleibt, ist klar. Aus der Uni soll ein Akademiker-Zulieferbetrieb für die Wirtschaft werden. Studien werden immer mehr nach ihrem monetär verwertbaren Output klassifiziert. Das ist, was man als die (neoliberale) Ökonomisierung versteht.

Und das ist, was mich in diesen Tagen immer wieder ins Audimax treibt.

Ein paar Links:

UnsereUni.at (Protesthomepage)

Die Studierenden weichen nicht (Blogpost von Tom Schaffer)

Studis und Unis. Rat und Vorwurf. (Artikel von Martin Blumenau)

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