Ich bin eben heimgekehrt von einem Einkauf beim Spar, der heute Abend übrigens ausgesprochen voll war. Und ich will diesem Posting vorausschicken, dass ich weder ausgebildeter Soziologe noch Pädagoge bin, ich studiere auch weder das eine noch das andere.
In den zwei überlangen Kassaschlangen herrschte gesprächige Ruhe, bis auf einmal ein lauter Schrei ertönte. Diesem war der Wunsch eines Kleinkindes – es wird vielleicht diesen Herbst mit dem Kindergarten angefangen haben – nach einem Eis. Es trug sich folgendes zu:
“Ich mag ein Eis – bitte!”, forderte das kleine Mädchen bestimmt.
“Nein.”, war die erste, knappe Antwort eines Elternteils.
“Aber warum?”, erwiderte das Kind noch gefasst.
“Du kriegst jetzt kein Eis.”, formulierte der Vater daraufhin das vorherige “Nein” aus.
Die Frage war also nicht beantwortet. Das Kind wurde weinerlich und begann schließlich recht laut zu schreien.
“Aber ich will jetzt ein Eis!” – das Drama begann. Ich ahnte schon in etwa, was jetzt passieren würde, entschloss mich aber die Szene zu beobachten, ob sie wirklich so ausgehen würde wie ich dachte.
Nachdem das Kind noch ein paar Mal laut seinen Wunsch nach einer gefrorenen Köstlichkeit verlautbart hatte, die Eltern gebetsmühlenartig das “Nein” umformuliert wiederholten, schrie das Mädchen erstmal alleine. Die Erziehungsberechtigten hatten in den “Ignore”-Modus geschalten. Es galt wohl, das Gezeter auszusitzen. Das Gleiche macht die Politik gern, wenns irgendwo brennt – ganz nach dem Motto: “Vielleicht geht’s ja von selber aus…”
Freilich war dieses Konzept auch hier zum Scheitern verurteilt. Der Lärmpegel, den das Mädchen verursachte, nahm nicht ab. Im Gegenteil.
Eine halbe Minute später fühlte sich dann eine Oma, zwei Leute hinter mir in der Reihe, berufen, einzugreifen. Und zwar in dem sie Öl ins Feuer goß.
“Schäm dich! Schäm dich! So einen Aufstand zu machen, wegen einem Eis!”, mahnte sie. Die Eltern nahmen kaum Notiz und für ihren Sprößling bestand natürlich keinerlei Anlass, den Eis-Wunsch ad acta zu legen.
Was schließlich folgte, war im Grunde die selbe Reaktion wie die der Oma. “Jetzt hör aber auf! Du kriegst jetzt kein Eis!”
Irgendwann waren sie dann an der Reihe und zahlten ihren Einkauf.
Unter lautem Protest verließ das Vater-Mutter-Kind-Trio schließlich – den Nachwuchs in den Armen tragend – das Geschäft. Das Drama schien beendet.
Prolog
Vor dem Geschäft, beim Warten auf die Fußgängerampel musste die Mutter ihre Tochter wohl doch wieder abgesetzt haben. Nachdem sie sich offenbar kurz beruhigt hatte, nützte sie die Gelegenheit und legte einen für ein Kleinkind selten gesehenen Sprint ein. Und zwar retour in den Konsumtempel mit der grünen Tanne am Logo. Der Lärm ging von neuem los, die Oma schüttelte den Kopf.
Nach wie vor hieß es für das Kind: “Es gibt jetzt kein Eis!”. Nach wie vor war das nicht besonders überzeugend für die Kleine. Die Eltern, deren Überforderung mit dieser Situation jetzt mehr als offensichtlich wurde, schalteten nach “Ablehen”, “Ignorieren” und wieder “Ablehnen” auf “Erpressen”. Das Druckmittel: Die heißgeliebte Puppe ihres Nachwuchses.
“Du kriegst kein Eis und wenn du nicht aufhörst, ist die Puppe auch weg!”. Die Puppe haltend wie den Wurm vor den Fisch, manövrierte die Mutter so schließlich ihre immer noch deutlich hörbar protestierende Tochter aus dem Laden, und beide waren dann nicht mehr gesehen.
Das Resümee: Fail!
Kleinkinder lieben Eis. Der Wunsch danach ist also verständlich, wenn nicht sogar irgendwie legitim. Aber in dieser Jahreszeit und ab einer bestimmten Frequenz schlichtweg nicht sinnvoll. Das war vermutlich auch das handlungsleitende Motiv der Eltern.
Das Kind hatte aber die Frage gestellt – und zwar sehr früh – die Kinder eben gerne stellen und beantwortet bekommen sollten: “Warum?” Ein abschließendes “Nein!”, sollte das Kind irrational und absichtlich auf stur schalten, schließt das nicht aus.
Eltern und Umfeld haben es geschafft, sagenhafte null mal darauf einzugehen. Eine Frage mit “Nein” zu beantworten erzeugt natürlich Frust. Dass das Kind darauf nicht mit Zurückhaltung und Schweigen reagieren würde, war völlig logisch.
Ihre Tochter zu ignorieren, und ihr damit wohl das Gefühl zu vermitteln, nicht ernst genommen zu werden, war eine ihr gegenüber nicht sonderliche Verzweiflungstat. Um einen Vergleich hinsichtlich des Resultats zu ziehen: Als die Politik das bei den besetzenden Studenten versucht hat, hat sie einen internationalen Flächenbrand geerntet. Es funktioniert einfach nicht.
Das Musterbeispiel für autoritäre “Erziehungskunst” gab schließlich die ältere Dame ab, die sich plötzlich einschaltete. Dieses “Schäm dich, dass du so einen Aufstand für ein Eis machst” bedeutet eigentlich “Schäm dich, dass du auf deinem Wunsch beharrst”. Die Mittel zur Willensdurchsetzung in so einer Situation sind für ein kleines Kind jedoch beschränkt.
Wirklich erschreckend waren nicht die einzelnen Reaktionen für sich, sondern dass das junge Mädchen über die Gesamtdauer der Situation eigentlich für dumm erklärt wurde. Doch Kleinkinder sind nicht dumm. Es fehlt ihnen am Faktenwissen, nicht an der Fähigkeit zur Reflexion.
Das “Warum?” hätte leicht beantwortet werden können, etwa mit einer zum Nachdenken animierenden Gegenfrage: “Meinst du nicht, dass du dich verkühlst wenn du jetzt ein Eis ist? Es ist doch so kalt draussen.” Das ist nur eine von wahrscheinlich dutzenden Antworten und Fragen, die man dem “Warum?” hätte entgegnen können. Statt dessen brachen komplett autoritäre Erziehungsmuster durch. Mit der Erpressung als Höhepunkt.
“Wenn du nicht aufhörst dir ein Eis zu wünschen, wirst du auch deine Puppe verlieren.” Man kann sich ausmalen, was derlei Handeln langfristig für das Kind bedeuten kann. Möglicherweise wird es irgendwann vielleicht Wünsche nicht mehr äußern, wenn es nicht von vornhinein weiß, dass die Eltern ihn erfüllen werden.
Vielleicht wars ein Ausrutscher der Eltern, vielleicht auch nicht. Generell gilt aber: Wer Autoritarismus sät, wird Autoritarismus ernten
Wir, als Gesellschaft, haben noch viel zu lernen.
PS: Ich bin meinen Eltern sehr dankbar dafür, dass meine Fragen damals nie unbeantwortet blieben :)





btw. das kind konnte wirklich laut schreien. :)
[...] This post was mentioned on Twitter by Tom Schaffer, Georg Pichler. Georg Pichler said: Neu auf Rigardi.org: "Autoritarismus statt Antworten" – http://is.gd/4ZLiU #erziehung #kleinkinder [...]
Tja, das ist das, was viele leider nicht lernen, nicht bei ihren Kindern, nicht vor anderen: Ihre Meinung begründen. Sagen wieso und warum etwas so ist.
Ich weiss nicht ob es aus kognitiver Unfähigkeit geschieht, denn normal sollte man ja etwas, dessen Ansicht man ist, irgendwie formulieren können. Lernt man zumindest in der Schule und auch in den meisten Ausbildungen.
Ich glaube eher, es ist der Unwille: Wieso sollte ICH als Erwachsener meinem KIND etwas erklären müssen? Das ist doch gar nicht meine Aufgabe… Oder etwa doch?
Wieso denn einem “Untergebenen” etwas erklären… Am Ende lernt der noch im zweiten Teil, wie er sich besser durchsetzt.
LOL, lieber Georg, man merkt du hast keine eigenen Kinder :D
Ich hab selten etwas so lustiges gelesen wie deine “psychosoziale Analyse”.
Lass dir mal von einem zweifachen Vater erzählen was da abgeht: Kinder in dem Alter, ich schätze mal so auf 3-4 Jahre, spielen ihre ersten kleinen Machtspiele. Zudem befinden sie sich in der “Fragephase” (ich nenn das mal so). Du hast als Eltern schon verloren wenn das Kind dir auf irgendeinen Verneinung, und sei sie auch noch so toll mit einer Erklärung versehen, ein “Warum?” entgegenschleudert. Denn dieses eine Warum wird dutzende weitere Warums nach sich ziehen. Im Endeffekt geht’s dann nicht mehr um das Eis sondern ums Grenzen austesten.
Oft ist es dann besser einfach auf “ignore” zu schalten als an diesem Machtkampf teilzunehmen. Damit zu drohen die Puppe wegzunehmen ist natürlich Quatsch. Ein einfaches Ignorieren für ein paar Minuten reicht normalerweise aus.
Also bitte interpretier da nicht die furchtbarsten Dinge hinein. Kinder in dem Alter sind manchmal wirklich sehr anstrengend, da sie immer und überall ihre Grenzen austesten und wenn man da nicht einigermaßen standhaft bleibt wird es mit der Zeit immer schlimmer. Man merkt als Eltern relativ schnell ob die Tochter eine ernstgemeinte Frage hat oder auf Konfrontation aus ist. “Krieg ich ein Eis?” ist meistens Konfrontation :D
Die Sache ist: Die Eltern sin genau 0 mal auf das “Warum?” eingegangen. Das Mädchen hatte so gesehen erst gar keine Chance auf stur zu schalten und das Fragespiel ins Unendliche zu treiben. Wenns nach der dritten Antwort immer noch mit “Warum?” kontert, is mir auch klar, dass es ein Machtspiel ist. Dann wäre die Ignorieren-Methode durchaus nachvollziehbar gewesen.
Das man seinem Kind jedoch ein erklärungsfreies “Nein”entgegenschleudert ohne es zumindest mit zB. vorgeschlagener Begründung versucht zu haben, finde ich bedenklich.
Allerdings weißt du natürlich nicht ob das Mädchen nicht generell bockig war an diesem Tag. Ich habe meinen Töchtern auch schon desöfteren einfach ein “Nein” entgegnet, weil ich wusste worauf es hinausläuft.
Das Warum ist den Kindern oftmals einfach egal, denn es geht ihnen ums Prinzip nicht um einen konkreten Grund.
Ich finde es sehr schwer einzuschätzen ob die Eltern nun immer so verfahren oder ob es so ist wie bei uns zuhause. Was allerdings überhaupt nicht geht ist das Einmischen von Außen (die Oma). Das ist nur angebracht wenn das Kind körperlich angegangen wird. Dann aber sehr gerne auch offensiv.
besonders schlimm finde ich auf die Frage Warum, die Antwort zu geben: Weil ich das sage.
Ich würde M___K im wesentlichen rechtgeben. Und Georg insofern rechtgeben als er zurecht einfordert, dass sich die Eltern trotz allem zumindest mal bemühen sollten auf das “Warum?” einzugehen. Es bleibt aber, wenn man eigene Erfahrungen mit Kindern in diesem Alter hat dennoch über, dass man aus dieser Situation – so schrecklich sie sich auch angefühlt haben mag – rein gar NICHT schliessen kann, wie die Eltern mit ihrem Kind generell umgehen. Manche Kinder in diesem Alter sind so extrem anstrengend in ihrem Austesten, dass das für die Eltern auf Dauer weit, weit über die Grenzen einer normalen psychischen Belastbarkeit hinausgeht. Die Situation kann daher auch aufgrund psychisch/physischer Überforderung entstehen, einfach weil die psychisch/physische Kraft ausgegangen ist. Und ja, solche Situationen entstehen auch bei uns durchaus immer wieder. Ganz schlimm ist dann, dass man weiss, wie das für die zwei Studenten, die grad vorbeigehen, ausschauen muss, und dass man weiss, dass sich in zwei Minuten eine Oma einmischen wird. Lg! :-)