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Jörg Haider tot – Gedanken

Jörg Haider (BZÖ) ist tot. Der gebürtige Goiserer, der seine politische Heimat in Kärnten gefunden hat, ist im Alter von 58 Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Der Sonder-ZiB entnehme ich, dass er sich gegen halb zwei bei Klagenfurt in Folge eines Überholmanövers mit dem Auto überschlagen hat und noch am Unfallort verstorben ist. Zurück bleiben eine Frau und zwei erwachsene Töchter. Zurück bleibt auch seine Partei, die letztlich nur durch ihn existiert und Erfolg hatte.

“Weltuntergang”, so die erste Reaktion der Orangen. Bundespräsident Heinz Fischer ist “tief getroffen”, spricht von einem “gewichtigen Faktor in der österreichischen Politik … mit großen Begabungen und Talenten” vermeidet aber eine politische Aussage. Faymann nennt ihn einen “Ausnahmepolitiker”. Pröll: “Hat wie kaum ein anderer die Innenpolitik der letzen Jahrzehnte geprägt.” Strache: “Eine der prägendsten Politiker der zweiten Republik”, Erwin Pröll, LH NÖ, bekundet “tiefen Respekt”. Gerhard Dörfler, LH-Stellvertreter in Kärnten: “Die Sonne ist in Kärnten vom Himmel gefallen.” Stefan Petzner ist den Tränen nahe und tut mir ehrlich leid.

Ich bin ein wenig traurig. Bei aller politischen Differenzen ist ein solches Schicksal niemandem zu wünschen. Seine Mutter wird heute 90, für alle die ihm persönlich nahe standen ist dies ein menschlicher Verlust – ihnen spreche ich mein ernstgemeintes Beileid aus.

Es gäbe viel aufzuzählen. Seine Verhöhnung der Minderheiten in der Ortstafelfrage und sein Umgang mit Asylwerbern, nicht zuletzt die Einrichtung der “Sonderanstalt” auf der Saualm die bei zwei Zeitungslokalaugescheinen unbetreut vorgefunden wurde. Sachen wie diese dürfen jetzt im politischen Diskurs nicht zum Tabu verkommen, weil der Kopf dahinter nicht mehr ist. Es muss auf dieser Ebene offen über die Ära und das Erbe Haiders gesprochen werden (dürfen), und darüber wie es weitergeht.

Eine Schwarz-Blau-Orange Koalition wird jetzt einen guten Deut wahrscheinlicher. HC Strache fehlt nun der wichtigste Gegenpart, dem er die Schuld an der Spaltung (nicht zu Unrecht) gegeben hat. Dem BZÖ geht nun seine einzige wirklich gewichtige Person ab. Es ist, wenn nicht schnell adäquater Ersatz gefunden wird (sehr unwahrscheinlich), von einer Wiedervereinigung mit der FPÖ abhängig. Das “dritte Lager” steht kurz nach seinem Wiedererstarken vor einer richtungsweisenden Entscheidung. Deren erste Konsequenzen bei den Kärntner Landtagswahlen nächstes Jahr zu sehen sein werden.

Vielleicht, und das ist vermutlich mehr mein persönliches Wunschdenken als eine echte Möglichkeit, ist ein politischer Neustart im südlichsten Bundesland möglich. Wenn Haider nicht mehr wie ein omnipräsentes Dogma vor seiner Amtsführung steht kann in einiger Zeit offener über selbige geredet werden. Es bleibt abzuwarten, wohin sich jenes Drittel der Landesbevölkerung nun wenden wird und ob Kärnten wirklich so rechts oder doch nur in einem jahrzehntelangem Personenkult verankert gewesen ist.

Während nun eine weitere Sonder-ZiB, die momentan im Halbstundentakt gesendet wird, vergangen ist, beschließe ich diesen Eintrag mit den besten Wünschen an alle Trauernden, welcher Couleur sie auch immer sein mögen.

Photo Credits: modifizierter Ausschnitt, Original von wienweb.at

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